Herr Samsa und der Montag, der nicht endet

Eines Morgens erwachte Herr Samsa mit einem tiefen Seufzer und stellte fest, dass es Montag war. Der allgegenwärtige Klang seines digitalen Weckers, der so nervenaufreibend wie ein Summen einer Fliege war, vermeldete den Beginn einer neuen Arbeitswoche. Die Aussicht auf vier weitere Tage des Elends und der Routine war nichts anderes als eine Ohrfeige gegen seine Träume von einem einfachen Leben.

Samsa blickte auf seine verkrampfte Hand, die auf der Bettdecke lag, als wolle sie das Wochenende festklammern. Er fühlte, wie der Montagmorgen sich an ihn schmiegte, wie eine unerwünschte Kakerlake in seinem Bett. Er stand auf, zog sich widerwillig an, aß ein Frühstück, das so uninspiriert war wie sein Tagesplan, und ging zur Arbeit.

Doch nachdem er seine tägliche Aufgabe erfüllt hatte und nach Hause zurückkehrte, um einen ruhigen Abend zu verbringen, merkte er, dass etwas völlig falsch war. Der digitale Wecker auf seinem Nachttisch zeigte wieder Montag an. Er sah den Fehler, schüttelte den Kopf und schlief ein.

Als Herr Samsa am nächsten Morgen erwachte, wurde er erneut vom unerbittlichen Lärm seines Weckers begrüßt. Er blinzelte, schaute auf das Display und erstarrte. Wieder Montag. Er prüfte sein Handy, das Radio, den Kalender in der Küche – alles schrie: Montag! Sein Herz sank.

Von da an schien jeder Tag für Herrn Samsa ein Montag zu sein. Die gleiche Routine, die gleiche Ernüchterung. Er war in einer Zeitschleife gefangen, genau wie Phil Connors aus „Und täglich grüßt das Murmeltier“, ein Film, den er erst kürzlich gesehen hatte und der ihm jetzt wie eine grausame Vorahnung erschien.

Eines Tages, während seines 24. Montags, beschloss Herr Samsa, die Dinge anders zu machen. Anstatt zur Arbeit zu gehen, ging er in den Zoo. Am nächsten Montag, seinem 25., nahm er Klavierstunden. Am 26. Montag machte er Yoga, und am 27. malte er ein Bild. Anstatt sich dem Elend zu ergeben, beschloss er, das Beste aus seinem ewigen Montag zu machen.

Aber nach einer Reihe von Montagen, die mit neugewonnenen Erfahrungen und Freuden gefüllt waren, erinnerte sich Herr Samsa an seine Arbeit. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal im Büro war. Er fühlte sich schuldig und verantwortungslos.

Und so, an seinem 40. Montag, kehrte er ins Büro zurück. Dort fand er Chaos und Verwirrung. Ohne Herrn Samsa war die Arbeit zum Stillstand gekommen. Sein Chef kam auf ihn zu, bedankte sich bei ihm und bat ihn, wieder zu arbeiten. Samsa war verwirrt, aber er stimmte zu.

Als er nach einem langen Tag nach Hause zurückkehrte, fiel er müde ins Bett und schlief ein. Als er am nächsten Morgen aufwachte, war er gespannt, was sein Wecker anzeigen würde. Er sah hin und konnte seinen Augen kaum trauen. Dienstag. Es war tatsächlich Dienstag. Herr Samsa hatte es geschafft, aus der Zeitschleife auszubrechen.

Doch während er zur Arbeit ging, fühlte er ein seltsames Gefühl der Sehnsucht. Der Montag, der ihm einst als düsterer Beginn einer langen Woche erschienen war, war nun zu einem Tag voller Möglichkeiten und Entdeckungen geworden. Er hatte die Freiheit genossen, sein eigenes Leben zu führen, ohne die Erwartungen oder Routinen des Alltags.

Herr Samsa setzte sich an seinen Schreibtisch, aber er konnte sich nicht konzentrieren. Er dachte an die Klavierstunden, den Zoobesuch, die Malerei. Es waren Montage, aber sie waren auch die freiesten Tage, die er je gehabt hatte.

Als er nach Hause ging, schaute er auf seinen Wecker und lächelte. Es war Dienstag, aber in seinem Herzen war es immer noch Montag. Der Tag, an dem er lernte, dass jeder Tag ein neuer Anfang sein kann, wenn man nur den Mut hat, die Routine zu durchbrechen.


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