
Es war einmal ein Mann, nennen wir ihn Günter. Günter war ein armer Kerl, der nur einen Wunsch hatte: Ein paar Stunden ungestörten Schlaf zu bekommen. Und in seiner Not, sich Morpheus‘ Gnade zu ergeben, stolperte er über einen alten Trick – das Schäfchenzählen.
Unsere Geschichte beginnt um halb drei Uhr morgens, während Günter, von Schlaflosigkeit geplagt, seine Decke anstarrt, die er inzwischen für komplizierter als ein Jackson Pollock Gemälde hält. Schließlich beschließt er, das altbewährte Schäfchenzählen zu probieren. Das erste Schaf springt über den imaginären Zaun in seinem Kopf. Eines, zwei, drei – und so weiter.
Die ersten fünfzig Schafe sind ein Kinderspiel. Günter lächelt, sicher, dass der Schlaf bald kommen wird. Doch nach dem hundertsten Schaf wird das Lächeln ein wenig gezwungen. Das zweihundertste Schaf hat schon einen leicht sarkastischen Beigeschmack. Beim dreihundertsten Schaf erkennt er die Ironie der Situation und fragt sich, ob er vielleicht Schafe mit Schlafstörungen gezählt hat.
Als er beim tausendsten Schaf ankommt, fängt er an, sie zu sortieren. Es gibt jetzt die langhaarigen Schafe, die kurzhaarigen Schafe, die Schafe mit den ulkigen Hörnern und diejenigen mit den kuriosen Flecken. Ein Schaf mit einem Sombrero? Warum nicht! Ein Schaf auf Stelzen? Sicher! Warum auch nicht? Eine Schafparade mitten in der Nacht in seinem Kopf. Nun ja, wenigstens ist es unterhaltsam.
Er sieht sich als Hüter einer imaginären Schafherde und grübelt, ob er für diese Verantwortung überhaupt bereit ist. In diesem Moment bemerkt er, dass er vergessen hat, wie viele Schafe bereits gezählt wurden. Er beginnt von vorne.
Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der unzählige Schafe den Zaun überwunden haben, fühlt sich Günter immer noch so wach wie eine Eule im Vollmond. Er zählt jetzt Schafe in Gruppen von zehn, in der Hoffnung, das Ende des Ozeans aus weißer Wolle zu erreichen.
In seiner Verzweiflung fängt er an, sich mit den Schafen zu unterhalten. Er teilt dem Schaf Nummer 3723 seine Sorgen mit und fragt das Schaf Nummer 4001 nach seiner Meinung zu globaler Erwärmung. Und schließlich gesteht er Schaf Nummer 5000 seine Liebe zu Käsespätzle.
Als der erste Hahn kräht, gibt Günter auf. Das Schäfchenzählen hat ihn nicht in den Schlaf gewiegt, sondern ihn eher zum Schäfer einer ganzen Armee aus flauschigen Schlafverhinderern gemacht. Er steht auf, macht sich einen starken Kaffee und beschließt, für die nächste Nacht eine andere Methode zu probieren. Vielleicht das Zählen von Schildkröten? Aber das ist eine andere Geschichte.




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