Pazifismus ist leicht, wenn es um andere geht

Krieg in der Ukraine, der russische Überfall auf ein freies und demokratisches Land.

Da braucht man in Deutschland nicht lange zu warten, auch im evangelischen Umfeld melden sich sogenannte Pazifisten zu Wort, die zwar ganz betroffen und ehrenhaft sagen, das Morden müsse sofort aufhören. Dem wird jeder zustimmen. Es sind dann aber diejenigen Pazifisten, die zugleich den Kriegsdienst ablehnen und auch die Lieferung von Waffen an die Ukraine zu deren Verteidigung. Irgendwie werde man immer schuldig, so liest man.

Die Initiative, von der hier gesprochen wird, wird auf der Seite evangelisch.de recht unkommentiert vorgestellt, was man möglicherweise als implizite Zustimmung deuten könnte. Mit einer pazifistischen Argumentation macht man es sich aber viel zu leicht. Selbst sitzt man in Deutschland, geschützt durch die Waffen der NATO, während man die Lieferung von Verteidigungswaffen an ein überfallenes Land ablehnt.

Russland legt ganze Städte in der Ukraine in Schutt und Asche, aber besagten evangelischen Pazifisten fällt dazu ein, den Dienst an der Waffe abzulehnen.

Nun sind diese Gedanken nicht prinzipiell schlecht, im Gegenteil. Sie sind nur leider völlig unrealistisch. Im besten Fall sind sie naiv und gutgläubig, im schlechtesten Fall zynisch gegenüber dem überfallenen Land.

Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Theologe, der an einem Attentat gegen Adolf Hitler beteiligt war und damit aktiv gegen das Gebot, dass man nicht töten dürfe, verstoßen hat, sah es anders. Einerseits war ihm klar, dass er immer Schuld auf sich lädt, egal, ob er etwas gegen Hitler unternimmt, oder ihn weiter wüten lässt. Er verglich Hitler mit einem wahnsinnig gewordenen Autofahrer, der durch die Stadt rast und wahllos Menschen tötet. Bonhoeffer war der Meinung, es könne doch nicht die einzige Aufgabe eines Pfarrers sein, angesichts dieser Untaten zu den Hinterbliebenen zu gehen und ihnen Trost zuzusprechen. Vielmehr müsse man aktiv dem Rad in die Speichen fallen, also aktiv die faschistische Hitler-Diktatur zu Fall bringen, um zu vermeiden, dass durch sie Millionen und Abermillionen Menschen entweder in Konzentrationslagern verschwinden, oder durch den von Hitler ausgelösten Weltkrieg zu Tode kommen.

Die oben genannten evangelischen Pazifisten haben zwar auch bemerkt, dass man irgendwie immer Schuld auf sich läd, egal, wie man sich entscheidet, aber entweder haben sie darüber hinaus keine Lösung, oder die Zusammenfassung auf evangelisch.de klammert diese Lösung aus und ist somit nur eine lückenhafte Zusammenfassung der vertretenen Positionen.

Aber wie auch immer, ein Pazifismus, der den Dienst an der Waffe ablehnt – eine Position, die man zwar prinzipiell vertreten könnte – , der aber auch Waffenlieferungen zur Verteidigung an ein überfallenes Land ablehnt – was man viel schwerer rechtfertigen kann – , ist ein Pazifismus, der es sich im sicheren Hafen der NATO bequem gemacht hat. Es ist ein Pazifismus, der nicht um Leib und Leben von sich selbst oder wertvollen Angehörigen fürchten muss, es ist ein Pazifismus, der weiß, dass es ein Morgen geben wird, weil hierzulande keine russischen Raketen und Marschflugkörper seit Monaten bewusst zivile Infrastruktur und auch kritische Infrastruktur wie Elektrizitätswerke, Umspannwerke, Pipelines und so weiter zerstören. Es ist ein bequemer Pazifismus, gesprochen aus dem sicheren Elfenbeinturm der NATO heraus.

Die Entwicklungen unserer Zeiten werden allerdings zeigen, ob der Krieg nicht auch zu uns kommt. Falls das der Fall wäre, was hoffentlich nicht geschieht, würden derartige Pazifisten auf die Probe gestellt werden: Wenn nämlich all die Menschen und Dinge, die ihnen lieb und wertvoll und teuer sind, auf dem Spiel stehen, dann müssten diese Pazifisten zeigen, ob sie tatsächlich den russischen Aggressor mit sich machen lassen, was dieser eben machen möchte. Und das, was er in den zurückeroberten Gebieten in der Ukraine gemacht hatte, ist nichts Schönes. Mord, Vergewaltigung, Verschleppungen, Erschießungen. Diese Pazifisten würden also daran geprüft werden, ob sie andere Länder, beispielsweise die Länder der NATO, um Hilfe anrufen würden, um die Hilfe mit Waffen, oder ob sie sich und ihre Angehörigen in ihr Schicksal ergeben würden, auch, wenn dies tausendfach den Tod bedeuten dürfte.

Der Unterschied von dieser Art des evangelischen Pazifismus zu Dietrich Bonhoeffer ist folgender:

Dietrich Bonhoeffer war sich durchaus bewusst, dass er gegen das Tötungsverbot des Dekalogs verstößt, wenn er an dem Attentat gegen die Hitler-Diktatur beteiligt war. Er wog aber Schuld gegen Schuld ab und war der Meinung, dass ihn die größere Schuld treffe, wenn er untätig und handlungsunfähig bleibe. Er hoffte darauf, dass Gott, der sich in Jesus gezeigt hatte, ein gnädiger und gütiger Gott ist und ihm in dieser Dilemmasituation helfen werde. Denn egal, wie Bonhoeffer sich entschied, er lud immer Schuld auf sich. Einmal war er mitverantwortlich am möglichen Tod Adolf Hitlers, das andere Mal an dem Tod von Millionen von Menschen.

Bonhoeffer war der Meinung, dass er selbst für sich Leid ertragen könne, dass er in diesem Falle also durchaus pazifistisch reagieren könne. Aber dann, wenn anderen Menschen Leid zugefügt werde, dürfe er auch als Christ nicht einfach tatenlos zuschauen, sondern müsse handeln.

Bei den oben erwähnten evangelischen Pazifisten ist es umgekehrt. Sie sind offensichtlich der Meinung, dass man zwar das Leid der überfallenen Menschen in der Ukraine bedauern müsse, aber keine Waffen zu deren Verteidigung liefern dürfe. Sie selbst hingegen befinden sich in der Sicherheit der NATO, geschützt durch Waffen.

Suche nach gewaltfreien Konfliktlösungen

Das württembergische Papier „Christinnen und Christen sagen Nein zu Waffenlieferungen und Aufrüstung“ hat mittlerweile knapp 260 Unterzeichnende. Eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern um die Schwäbisch Gmünder Dekanin im Justizvollzug, Susanne Büttner, habe die Stellungnahme mit dem Untertitel „Zum notwendigen Friedensbeitrag der Kirche für die Zukunft“ veröffentlicht, um vor allem die innerkirchliche Diskussion über eine neue Friedensethik anzustoßen, sagte Friedenspfarrer Gunther Wruck […]

[…] Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) der württembergischen Landeskirche gehöre zu den Erstunterzeichnenden. Wruck erläuterte, dass auch die Mitglieder der EAK seit Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar nicht einig seien, ob ein „radikalpazifistisches“ Nein zu Waffenlieferungen oder Zurückhaltung die richtige Antwort in einer Situation wie der aktuellen sind.

„Die Aufgabe der Kirche und von Christinnen und Christen ist es, weiter an einer biblisch begründeten Vision für die Welt festzuhalten, die nicht auf Waffengewalt und atomarer Aufrüstung, sondern auf Verständigung und Gewaltfreiheit basiert“, so die Initiatorinnen und Initiatoren der Stellungnahme. Das Papier wird eröffnet mit den Sätzen „Wir sind entsetzt über die Opfer des Krieges in der Ukraine und verurteilen die russische Invasion. Sie ist ein Bruch des Völkerrechts. Das Morden muss aufhören.“

Quelle evangelisch_de

Leider sagen besagte Pazifisten nicht, WIE sie das Morden stoppen wollen – dazu findet man zumindest keine Aussage in dem Artikel. Warum sagen sie es nicht? Weil ein Hitler sich durch Worte allein nicht stoppen ließ. Und ein Putin vermutlich ebensowenig.

Aber wenn der Pazifismus das russische Morden in der Ukraine stoppen könnte, den Landraub, den Genozid am ukrainischen Volk, wenn er das vermögen würde, dann gerne her damit! Falls aber nicht, und danach sieht es leider aus, dann wären vielleicht leisere Töne angebracht.

Pazifismus ist das Ziel, nach dem wir alle streben sollen. Aber Pazifismus muss man sich leisten können. Wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt, dann wird das schwer. Zu schwer. Den Pazifismus in Deutschland und in der Europäischen Union haben übrigens zu Zeiten des Kalten Krieges die Waffen der NATO erst ermöglicht. Denn diese Waffen verhinderten einen potentiellen sowjetischen Angriff. Der NATO-Doppelbeschluss, aufrüsten bei gleichzeitigen Gesprächen, ermöglichte schließlich die Abrüstung. Der glaubhafte Einsatz von Waffen nämlich verhindert den Einsatz von Waffen, weil der Gegner es sich dann dreimal überlegt, ob er einen Angriff wirklich wagen möchte. Im Zweifel lieber nicht. Waffen können insofern Frieden schaffen, ohne dass eine einzige Waffe aktiv eingesetzt werden muss.

Doch wenn man sich in diesen Zeiten des russischen Überfalls auf die Ukraine auf seinen Pazifismus zurückzieht, stellt man sich damit auf die Seite des Aggressors, weil man ihn dadurch weiterhin schalten und walten lässt, und zwar mörderisch und genozidal.

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