Gute Russen, böse Russen. Der sinnvolle, aber relativ aussichtslose Versuch westlicher Medien, zwischen Putin und Russen zu differenzieren.

Gestern hielt Putin in einem Stadion mit zehntausenden Zuschauern eine Rede anlässlich des 8. Jahrestages der völkerrechtswidrigen Eroberung der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland.

Ein bisschen ziviler Widerstand scheint von Seiten der Sendeanstalten gegen Putin aufgefahren worden zu sein, weil seine Rede abbrach und stattdessen ein aufgezeichnetes Programm eingespielt wurde, bevor nach einiger Zeit Putin dann seine Rede endlich fortsetzen konnte.

Dieser zivile Widerstand ist gewissermaßen im Sinne Putins, nur eben gegen ihn, nämlich ein hybrider Widerstand, den man nicht so ohne weiteres nachweisen kann. Kürzlich hatte eine Aktivistin im russischen Fernsehen in den Abendnachrichten ein Schild mit einem Aufruf gegen den Krieg hochgehalten, um den Krieg zu stoppen. Diese Aktivistin muss nun mit bis zu 15 Jahren Haft rechnen. Eleganter ist natürlich das Vorgehen des russischen Fernsehens gestern, denn offiziell handelte es sich um einen technischen Fehler. Wer kann da schon was dafür ? Schwer nachweisbare Sabotage aus den eigenen Reihen. Russlands hybride Taktik eben, nur gegen Putin gewandt. Gut so.

In Deutschland bemüht man sich, den Krieg Putin zuzuschreiben. Ihm und einer engen Führungselite. Das ist sicher richtig, andererseits ist es aber auch nicht die ganze Wahrheit.

Denn gestern kamen eben zehntausende Russen in dieses Stadion, um Putins Rede zu hören. Und diese Russen kamen, weil sie jahrelang mit Putins Propaganda aufgefüllt worden sind. Ein großer Teil der Russen in Russland hat diese Propaganda zutiefst inhaliert. Ein einziges Schild, das für ein paar Sekunden in den Abendnachrichten hochgehalten wird, dürfte diese Propaganda in den Köpfen keineswegs beseitigen können, ebensowenig die kurze Unterbrechung von Putins Rede.

Zwar dürften sich manche Russen wundern, weshalb plötzlich so viele westliche Unternehmen aus Russland abgezogen sind, aber die Propaganda Putins hat natürlich ganz andere Erklärungen dafür. Und auch ganz andere Erklärungen für die Aktivistin in den Abendnachrichten und für den angeblich technischen Fehler bei der Übertragung von Putins Rede.

Man muss also davon ausgehen, dass ein sehr hoher Prozentsatz der Russen in Russland hinter Putin steht, weil die Propaganda jahrelang die Menschen hinter ihn geschart hat. Es ist zwar richtig, nicht in jedem Russen automatisch einen Menschen zu sehen, der der Propaganda Putins zustimmen müsste, aber bei vielen dürfte es aufgrund der jahrelangen Propaganda einfach so sein.

Kürzlich schickte eine Russin, die hier in München in unserer Nachbarschaft wohnt, über WhatsApp die Propaganda Putins herum. Man wunderte sich und rieb sich die Augen. Sie wohnt hier im Westen, sie hätte Zugang auf ein breites Spektrum an unterschiedlichen Medien mit unterschiedlichen Interpretationen, aber sie las offensichtlich nur die russischen Medien und ihre Propaganda.

Deswegen dürfte es auch in Deutschland so sein, dass bei weitem nicht alle Russen automatisch intellektuell differenziert denken können. Ein gewisser Prozentsatz, vielleicht ein relativ großer sogar, könnte Putins Propaganda ebenso erlegen sein wie die meisten Russen in Russland.

Und die knapp 200.000 russischen Soldaten, die in der Ukraine Krieg führen, sind natürlich auch getränkt von dieser Propaganda.

Zwar muss man davon ausgehen, dass Putin viele junge Männer dort verheizt hat, denn viele von ihnen glaubten scheinbar, sie würden nur zu einem Manöver ausrücken, befanden sich aber plötzlich im Krieg und wurden nun schon zu Tausenden zu Kriegsopfern. Man geht von etwa 14.000 gefallenen russischen Soldaten aus.

Zu verantworten hat das Putin, der russische Menschen seit Jahren mit Propaganda infiltriert und nun etwa 200.000 russische Menschen, welche diese Propaganda tief in sich haben, in einen Krieg geschickt hat, der überhaupt keinen Sinn macht.

Denn Russland ist groß genug, Russland hat Bodenschätze genug, Russland braucht sich nicht zu erweitern. Wenn Russland etwas nicht braucht, dann weiteres Territorium.

Das Einzige, was diese Erweiterung braucht, ist eine geschichtsvergessene Ideologie, welche Putin in der Isolation der Pandemie aufgesogen hat – und wohl schon Jahrzehnte zuvor – und welche ihn nun von innen zerfrisst, so wie er die Ukraine zerfrisst und übrigens auch ganz Russland.

Putin handelt nicht im Sinne Russlands, mit jeder Bombe in der Ukraine steigert er den Hass gegen Russen, denn nicht jeder, der betroffen ist, kann noch differenziert denken und unterteilen in gute und schlechte Russen. Wer Menschen verloren hat, der neigt dazu, zu generalisieren. Für so jemanden sind es die Russen insgesamt, die Putin folgen und die mit ihm seinen Krieg führen.

Von daher ist es natürlich ein edler Versuch in den deutschen Medien und auch in anderen Medien, den Krieg nur Putin zuzuschreiben, aber je größer das Leid wird, desto größer wird der Hass und der Hass differenziert nicht mehr. Zu einem gewissen Prozentsatz differenziert er legitimerweise nicht mehr, weil eben sehr viele Russen in Russland Putins Propaganda in die Fänge gegangen sind.

Damit sie umdenken könnten, wäre wohl viel nötig. Aber ein Schild in den Abendnachrichten reicht dazu sicherlich nicht aus, eine kurze Unterbrechung einer Rede ebensowenig. Auch, wenn viele Menschen dieser Propaganda unverschuldet in die Fänge gegangen sind, unterstützt eine große Menge der Russen in Russland Putin. Ohne zu wissen, was sie da tut. Denn sie wissen nicht, was sie tun. Trotzdem unterstützen sie unwissend das Böse. Das macht diese Menschen nicht automatisch böse, es wäscht sie aber auch keineswegs rein.

Den Deutschen erging es nach der Hitler-Diktatur ähnlich. Jahrzehntelang blieben sie im Ausland stigmatisiert. Einerseits teilweise vielleicht zu Unrecht, weil sie auch den gleichgeschalteten Medien und der Propaganda Hitlers erlegen waren. Andererseits aber auch zurecht, weil es denkende Menschen waren, die sich ihren Teil durchaus hätten zusammenreimen können, weil sie Dinge mitbekommen hatten, die zwar der Propaganda zuwiderliefen, die aber darauf hindeuteten, dass die Propaganda nicht die Wirklichkeit wiedergeben konnte.

Der Hass gegen die Deutschen differenzierte nicht sonderlich, weil der Haas nicht differenziert. Und der Hass dürfte auch in Bezug auf die Russen nicht allzu viel differenzieren. Denn der Hass ist der Hass. Das ist sein Wesen.

Und mit jeder Bombe, mit jedem getöteten Menschen in der Ukraine und auch mit jedem getöteten Menschen in Russland wächst er, der Hass, weil das Leid wächst. Leid erzeugt Hass. Nur sehr schwer und sehr langsam und sehr schmerzhaft lässt er sich wieder heilen, der Hass. Wenn überhaupt. Da können es die deutschen Medien und die westlichen Medien mit ihrer Differenzierung der Menschen so gut meinen, wie sie wollen, und ihre Differenzierung ist auch sinnvoll und richtig. Aber gegen den Hass haben sie einen Gegner, der meistens nicht mehr zuhört. Er ist eben der Hass.

Es braucht keinen sonderlich intelligenten Menschen, um einen Krieg zu beginnen, aber um einen Krieg zu beenden und den Hass und das Leid und die Wunden und die Verletzungen zu heilen, braucht man einen Messias .

Kommentar verfassen...(Kommentare, die Links enthalten, müssen auf Freischaltung warten)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..