Der 75. Geburtstag im Kriegsgebiet

Vor kurzem war eigentlich ein ganz besonderer Anlass für meinen Schwiegervater. Er lebt mit seiner Frau in Lemberg, Ukraine, ganz im Westen. Er feierte den 75. Geburtstag.

Ganz so schön war diesmal leider nicht. Bis 1991 standen die sowjetischen Besatzer in der Ukraine, doch dann zogen sie endlich ab. Nun sind sie wieder da, ihre selbsternannten Nachfolger, die Russen.

Über WhatsApp gratulierten wir und hatten Glück, die Schwiegereltern zu erreichen, in der Früh hatte es wieder Fliegeralarm gegeben und sie waren die fünf Stockwerke in den Keller gegangen.

Insgesamt scheint Lemberg ganz im Westen von den Kriegshandlungen im Osten noch relativ verschont zu sein, auch, wenn es zu Beginn des Krieges Berichte über vom Norden anrückende russische Truppen aus Belarus gab. Aber bisher ist es relativ ruhig, es gab im weiteren Umkreis von Lemberg ein paar Explosionen, in Lemberg selber noch nicht, ansonsten immer wieder hauptsächlich Fliegeralarm.

Aber ich fürchte, dass sich das ganz schnell ändern könnte, über Nacht gewissermaßen. Und dann könnte es ganz schnell so sein, dass man aus der Stadt nicht mehr rauskommt.

Den Schwiegereltern hatten ich und auch meine Frau natürlich schon mehrfach nahegelegt, dass sie doch bitte zu uns kommen sollen. Wir können sie aufnehmen und wir haben sogar eine Wohnung für sie organisiert, in der sie wohnen könnten. Aber sie wollen nicht. Das macht es für meine Frau besonders schwer. Sie könnten, aber sie wollen nicht.

Heute riss ab und zu das Internet ab, in der Region Lemberg gibt es scheinbar zehn Gebiete, in denen es derzeit zu Internetstörungen kommen kann, hervorgerufen sicher durch die Versuche der Russen, die Kommunikation in der Gesellschaft lahmzulegen. Als das kabelgebundene Netz heute nicht ging, funktionierte immerhin noch das Funknetz. Wie schlimm wird es sein, wenn man sie nicht mehr erreichen kann. Und wie schlimm, dass sie nicht kommen wollen.

Andererseits, irgendwie muss man es wohl auch, ein bisschen wenigstens, verstehen. Sie sind in der Lemberger Gesellschaft in einer Position, die sie hier keinesfalls mehr hätten. Sie haben dort ihre Freunde, ihre Verwandtschaft, ihre Wohnung, ihre Erlebnisse und ihre Erinnerungen, ihr ganzes Leben ist dort, ihre gesamte Existenz. Und würden sie nun zu uns kommen, fliehen, die Wohnungstür hinter sich absperren, dann könnte es wirklich sein, dass sie diese Tür nie wieder aufsperren.

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