Im Grenzgebiet von Weißrussland und Polen befinden sich tausende Flüchtlinge in den Wäldern, ohne sie verlassen zu können. Es sind Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien. Die Temperaturen sind um den Gefrierpunkt, die Menschen haben mitunter kein Wasser und keine Nahrung. Einige Menschen sind in diesen Wäldern offensichtlich schon gestorben.
Gestern hat die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa 50 Minuten lang mit dem weißrussischen Diktator Lukaschenko telefoniert. Dieser möchte ein erneutes Gespräch, um zu einer Lösung zu kommen, so hört man heute in den Medien.
Der Außenpolitiker Omid Nouripour von den Grünen hat das scharf kritisiert, damit legitimiere Angela Merkel angeblich die von der EU nicht anerkannte Wahl Lukaschenkos und somit dessen Diktatur.
Eine vordergründig einfache und scheinbar klare Linie von den Grünen, so scheint es. Ist es aber so einfach?
Aus Sicht christlicher Ethik ist die Lage anders zu beurteilen.
Denn aus Sicht christlicher Ethik ist zu fragen, welche Tat am Mitmenschen, am Nächsten getan werden kann und muss. Und der Nächste, der Mitmensch, das sind gerade diese ärmsten Menschen in den Wäldern, von denen einige wohl schon gestorben sind. Menschen, die die Wälder nicht verlassen können. Von den Polen werden sie in Pushbacks gewaltsam nach Weißrussland zurückgeschoben, von Weißrussland wieder nach Polen in die Wälder. Sie befinden sich somit zwar auf dem Boden der EU, wo ihnen eigentlich europäisches Recht ein Asylverfahren garantieren würde, de facto befinden sie sich aber im rechtlichen Niemandsland.
Die Tat der Nächstenliebe, die Tat der Mitmenschlichkeit ist es aus christlicher Sicht also, sich dieser Menschen anzunehmen. Und wenn man sich in einem Telefonat dieser Menschen annehmen kann, dann muss man es führen. Egal, ob jemand glaubt, damit sei eine Diktatur angeblich anerkannt oder nicht. Denn es dürfte anders liegen. Man kann durchaus die Diktatur nicht anerkennen und trotzdem versuchen, das Leben der Menschen zu retten und eine Lösung für deren Unterbringung zu organisieren.
Eine andere Frage wird natürlich sein, was der Einsatz Angela Merkels in Form von Telefonaten politisch kosten würde.
Lukaschenko wurde sicherlich zurecht von der EU mit Sanktionen versehen, einerseits, um die Diktatur zu ächten, andererseits, um seinen Umgang mit den Flüchtlingen zu ächten. Ob man hier Zugeständnisse machen darf, ist also durchaus zu hinterfragen.
Aber zunächst geht es einmal ganz pragmatisch und konkret um das Leben von tausenden von Menschen. Und jedes einzelne Leben ist unendlich viel wert. Nach christlicher Sicht wurde der Mensch nämlich geschaffen zu Gottes Ebenbild, jeder einzelne Mensch. Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan, so sagt Jesus. So spricht Gott.
Deswegen ist es aus christlich ethischer Sicht völlig korrekt und auch erforderlich, dass die evangelische Pfarrerstochter Angela Merkel sich in einem oder mehreren Telefonaten für das Leben dieser Menschen einsetzen will.
Wenn Grünen-Politiker Omnid Nouripour das anders sieht, macht er letztlich nichts anderes, als die weißrussische und auch die polnische Seite, nämlich die Menschen in dieser Zone zu einer anonymen Verhandlungsmasse zu degradieren und ihnen so die Menschlichkeit, die Würde des Menschen zu nehmen.



Kommentar verfassen