Covid-19: „Sterben die Alten nicht sowieso irgendwann?“

Die Frage aus der Überschrift ist zynisch und menschenverachtend, man hört sie aber dennoch in unseren Zeiten der Pandemie bisweilen.

Alte Menschen haben eine wesentlich höhere Mortalitätsrate als jüngere Menschen und deswegen fragen einige Leute, ob es denn so schlimm sei, wenn alte Menschen nun irgendwann sterben sollten.

Und dann kommt manchmal noch im Nachsatz hinterher, dass irgendein alter Mensch ja vielleicht gar nicht an Covid-19 gestorben sei, sondern mit Covid-19.

Nun, wie ist das eigentlich bei schweren Verkehrsunfällen? Sterben Menschen dort an den schweren Verkehrsunfällen oder mit den schweren Verkehrsunfällen?

Wir merken also, dass der letzte Punkt sich leicht ad absurdum führen lässt. Man kann damit nichts begründen.

Es dürfte um das Jahr 1995 gewesen sein, ich selber war gerade in den Beruf eingetreten und war auf irgendeiner Feier. Vielleicht war es zu Silvester. Dort waren auch einige Medizinstudenten anwesend, einer stach aber mit einer extremen Meinung heraus, die so glücklicherweise von den anderen in keinster Weise geteilt wurde. Aber dieser eine sagte doch, das Gesundheitssystem könne es einfach nicht verkraften, wenn Menschen über 60 Jahren noch Operationen bekommen würden. Aus diesem Grund, aus einem rein finanziellen Grund, war er der Meinung, dass Menschen über 60 Jahren nicht mehr operiert werden sollten.

Ich widersprach heftig, es half aber nichts. Ein junger Mensch, der Medizin studierte, war irgendwie so festgefahren in einer menschenverachtenden Meinung, dass man nur hoffen kann, dass er diese Meinung mittlerweile überdacht hat. Er selbst dürfte nun an die 50 sein und etwa in zehn Jahren dürfte ihn selbst das treffen, was er damals gefordert hatte, dass er nämlich ab einem Alter von 60 Jahren aus Kostengründen keine Operationen mehr bekommen sollte. Ich vermute schon aus diesem Grund, dass er seine Meinung mittlerweile geändert haben dürfte oder sie spätestens in zehn Jahren ändert, wenn er selber 60 wird.

Aber genau darum geht es auch in der Diskussion um Covid-19 und die Mortalitätsrate. Man kann nicht sagen, jemand habe eben sein Leben gelebt, wenn er vielleicht 80 Jahre ist und dann solle er doch einfach sterben, das ginge schon in Ordnung, er habe doch lang genug gelebt. Man kann dies zumindest nicht aus einem Hintergrund christlicher Ethik sagen. Denn in christlicher Vorstellung und auch in jüdischer ist jeder Mensch zum Ebenbild geschaffen, jeder Mensch ist für Gott unendlich wichtig. Dies thematisiert auch Jesus in seiner Geschichte vom verlorenen Schaf, in der der gute Hirte, Gott, loszieht, um das eine verlorene Schaf zu suchen, obwohl er doch noch 99 Schafe in seiner Herde hat. Den Wert von Menschenleben darf man also nicht quantitativ bewerten, sondern nur rein qualitativ.

Wenn auch nur ein einziger Mensch an Covid-19 stirbt, ist das aus christlicher Sicht genau ein Mensch zu viel. Egal, ob er nun 50, 60, 80, 100 oder 110 Jahre alt ist. Mensch ist Mensch. Und Mensch ist Ebenbild Gottes. Wer sagt, man könne alte Menschen einfach sterben lassen, weil sie ja nun ihr Leben gelebt hätten, lässt Gott sterben. Damals am Kreuz, heute im Krankenhaus. Wer so etwas sagt, fällt einer menschlichen Hybris anheim und macht sich selbst zu Gott, zum Herrn über Leben und Tod.

Mensch ist Mensch. Und Mensch ist gedacht zum Ebenbild Gottes. Deswegen ist jedes einzelne Menschenleben unendlich wertvoll. Schon immer, aber gerade auch in unseren Zeiten.


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