Als ich Gott vorhin traf

Es ist nur ein paar Augenblicke her. Eben beim Einkaufen. Danach setzte ich mich auf eine Bank und plötzlich sprach er mich an, er saß nämlich schräg gegenüber.

So ein Treiben hier, meinte er, da muss man sich doch mal bisschen Ruhe nehmen.

Ich aß meinen Salat, den ich mir ausgepackt hatte und er fragte, ganz ohne Brot? Ich nickte zuerst, aber dann holte ich meine Brezel heraus. Er nickte mir freundlich zu.

Ich fragte ihn, ob er hier auch eine Pause mache. Er sagte ja, seine Frau sei gerade beim Einkaufen. Früher sei er immer mitgegangen, aber heutzutage, nein, heutzutage mache er das nicht mehr. Wenn seine Frau sagt, los, gehen wir zum Marienplatz zum Einkaufen, nein, das mache er nicht mehr mit.

Der Herrgott droben bremse einen schon aus. Früher da sei er die Treppe noch schnell hinaufgegangen, aber jetzt, langsam.

Bis 72 sei er Ski gefahren. Ich frage ihn, wie alt er denn sei. 78, sagt er. Ich sage, da haben Sie sich ja ganz gut gehalten. Er sagt, ja, aber er habe mit drei anderen Skat gespielt, 35 Jahre lang. Sie seien jetzt nur noch zu anderthalb. Der Halbe habe Krebs, er besuche ihn zweimal die Woche. Der werde immer weniger jede Woche.

Da kam seine Frau und wir verabschiedeten uns. Vielleicht gingen sie zum Marienplatz.

Ob es Gott war? Zumindest ein Ebenbild Gottes. So wie jeder Mensch. Aber mir gefiel der Gedanke, dass ich vielleicht Gott getroffen haben könnte. In einem Menschen führte er ein freundliches Gespräch mit mir. Wer weiß.


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