Heutzutage nennt man diese Frage anders, es handelt sich um das sogenannte Geist-Gehirn-Problem. Das Problem ist folgendes. Ein gewisser Teil von Menschen und auch von Naturwissenschaftlern geht davon aus, dass der sogenannte Naturalismus wahr sei. Diesen kann man in etwa so definieren, dass die Welt im Grunde so sei, wie die Naturwissenschaften sie sehen. In dieser Sicht hat aber so etwas wie Geist oder Seele im Grunde keinen Platz. Das führt einige Naturwissenschaftler zu der Annahme, das Gehirn sei die Seele bzw Geist und wenn der Mensch denn sterbe, sei auch die Seele weg. Seele und Geist werden in diesem Fall analog verwendet.
Der bonner Philosophieprofessor Markus Gabriel hinterfragt allerdings diese Sicht, die vielen Menschen erstmal einleuchtend erscheint, weil sie ja angeblich naturwissenschaftlich begründet sei. Das stimmt aber nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten erkennt man, dass es sich um keine verifizierten philosophischen Annahmen handelt, sondern um eine Art von Küchenphilosophie, die von beispielsweise gewissen Naturwissenschaftlern vertreten wird. Markus Gabriel argumentiert aus der Perspektive des sogenannten Neoexistenzialismus heraus, den er gewissermaßen begründet hat.
Falls Sie den Vortrag, der ohne die Vorrede und ohne die Diskussion im Anschluss etwa 50 Minuten dauert, nicht schauen wollen oder können, soll jetzt zumindest ein Teil des Inhalts wiedergegeben.
Einer der Gedanken ist, dass man das „Ich“, also denjenigen, der aus Ihren Augen herausschaut, bei der Betrachtung der Welt nicht einfach wegdenken kann, wie es die Naturwissenschaften im Prinzip machen. Es gibt kein sogenanntes“kosmisches Exil“, aus dem heraus gewissermaßen ein Betrachter alles von außen betrachten könnte. Selbst, wenn Sie sich an den äußersten Rand des Universums stellen könnten und würden, würden Sie niemals das Ganze erblicken, denn sich selbst erblicken Sie nicht. Ihren Standpunkt können Sie niemals mit in die Gesamtheit einschließen, die Sie vor sich erblicken. Das „Ich“, der Geist, die Seele ist gewissermaßen ein Rätsel, welches naturalistisch nicht begründbar ist.
Ein anderer Gedanke ist, dass ein Fahrrad und eine Radtour etwas grundlegend verschiedenes sind, beide aber dennoch zusammenhängen und notwendig füreinander sind. So verhält es sich auch mit Gehirn und Geist bzw Seele. Ein Fahrrad kann keine Radtour machen. Ein Mensch dagegen schon, aber er braucht dazu ein Fahrrad. Ohne ein solches wäre es keine Radtour. Ziemlich verkürzt wiedergegeben heißt das auch, dass das Gehirn nicht den Geist hervorbringt, sondern der menschliche Geist vom Wesen her etwas völlig anderes ist, als das Gehirn. Allerdings gehört zum menschlichen Denken das Gehirn dazu, so wie zu einer Radtour das Fahrrad.
Wahrscheinlich werden Sie sich nun fragen, was hier eigentlich gerade diskutiert wird. Das ist auch gut so, denn nun haben Sie einen Anlass, sich den Vortrag doch anzusehen. Dann werden Sie wohl mehr Durchblick haben.
Zum Titelfoto, wie soll man sich Geist oder Seele vorstellen? Vielleicht wie einen weißen, runden Platzhalter für etwas, bei dem man eigentlich selber nicht weiß, was es denn sein soll. Obwohl man es täglich erlebt und es einem im Grunde völlig vertraut ist, das eigene Ich. Denn jeder von uns weiss eigentlich, dass er er selber ist.



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