Vier Tote bei Anti-″Charlie″-Protesten im Niger| DW.DE | 16.01.2015
Wer geglaubt hätte, die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo könne nun ungehindert weiterhin ihre für viele Moslems nicht gerade respektvollen religiösen Karikaturen an den Mann bringen, liegt falsch. Weltweit gibt es in der islamischen Welt Proteste gegen die neu erscheinenden Karikaturen, es gab bereits Tote in diesem Zusammenhang.
Natürlich sind es nicht die Karikaturen an sich, die nun Menschen töten, aber sie stacheln Gewaltbereite zu Gewalt an. Insofern ist ein Zusammenhang zwischen den Karikaturen und dem Tod von Menschen nicht zu leugnen. Wenn jemand Selbstmord begehen will und gerade dabei ist, vom Haus zu springen, so hat er das zwar selbst zu verantworten. Wenn man ihm aber zuruft „spring doch!“, dann sind es eben nicht nur Worte, die man da ruft, sondern man gibt ihm zu seinem bereits vorhandenen Motiv noch einen spontanen Anlass. Man wird mitschuldig.
Im Westen tut man sich eher leicht, wenn man sich auf die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit beruft, und zwar ganz im Sinne der kantschen Pflichtethik, nach der die Folgen einer Handlung, die zwar als legitim bewertet wurde, völlig ausgeblendet werden.
Aktuell wäre man sicher besser bedient, wenn man in dieser Hinsicht im Sinne der Verantwortungsethik handeln würde , welche die Folgen einer Handlung mit einbezieht.
Dies wäre umso wichtiger, da es bereits auch gestern wieder Tote gab.
Und man sollte sich wohl daran erinnern, dass auch eine Satirezeitschrift wie Charlie Hebdo letztlich ein Verkaufsartikel ist. Der Zeitschrift geht es im Grunde darum, Gewinn zu machen. Sie ist weniger daran interessiert, ausgleichend auf die Gesellschaft zu wirken, als vielmehr ihre Quote zu steigern.
Und die Quote steigert man am besten durch Hingucker, das heißt dadurch, dass möglichst jede Karikatur die vorhergehende übertrifft.
Frieden zwischen den Religionen und den Kulturen dürfte so mit jeder Karikatur ein Stück weiter in die Ferne rücken, auch wenn die Pressefreiheit und Meinungsfreiheit per se natürlich richtig sind. Unbegrenzt nützlich ist ein grenzenloses Austesten dieser Freiheiten im aktuellen Fall aber vermutlich nicht.
Ein kleines Gedankenexperiment zum Schluss. Bei der satirischen Gruppe Monty Python kommt in einem Film der sogenannte Gefahrensucher vor. Vor seinem Einsatz zieht er sich einen speziellen Anzug und einen Helm an, um sich zu schützen. So ausgerüstet geht er in die Slums, wo eine Gruppe Farbiger steht und miteinander diskutiert. Er durchbricht die Formation und geht mitten in den Kreis der Diskutierenden. Dann holt er tief Luft, schreit ein paar Mal laut „Nigger!“ und rennt weg. Es ist klar, dass die Farbigen reagieren werden.
Übertragen auf den aktuellen Fall könnte man Sie fragen, wie Sie zur Pressefreiheit stehen. Natürlich werden sie sich sinnvollerweise dafür aussprechen. Würden Sie aber auch mit einer Mohammedkarikatur direkt zu Moslems gehen, sie ihnen vor die Nase halten und dann warten, was passieren wird? Falls nicht, überlegen Sie doch einmal, warum nicht.
Pressefreiheit darf alles, das ist gut so. Müssen tut sie es aber nicht. Handeln im Sinne der Verantwortungsethik bedeutet, stets auch immer die Folgen im Blick zu haben.
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