Anne Will und – Immanuel Kant

Gestern bei Anne Will versuchten zwei Atheisten mehr oder weniger gut, drei Gläubige (eine davon mit Nahtoderfahrung) davon zu überzeugen, dass es Gott nicht gebe.

Langweilige, stereotype Scheinargumente.

Aber auch die Gläubigen kamen irgendwo schlecht auf den Punkt. Deshalb sei hier etwas von Immanuel Kant zum Thema, ob man die Wirklichkeit überhaupt erkennen kann, angefügt. Denn der Mega-Atheist, der Sprecher der Atheistentrutzburg Giordano-Bruno-Stiftung, meinte gestern, der Monismus hätte sich als richtig erwiesen. Es gebe also keine geistige Welt, sondern nur die Materie, die er sehen könne. Welch flaches Niveau.

Egal, hier zuerst der Text zu Kant, und dann weiter unten der Link zu dem verstorbenen Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker. Schade, dass den Gläubigen gestern nicht Derartiges einfiel.

Immanuel Kant, Gedankenexperiment: wir können uns nicht alles in der Welt wegdenken. Man kann seinen eigenen Körper noch wegdenken, dann schwebt das eigene Bewusstsein eben körperlos im Raum.
Das eigene „Ich“ können wir aber nicht mehr wegdenken, hier hört jede Vorstellung auf.
Die Zeit wegzudenken ist ebenfalls für Menschen nicht möglich.

Raum und Zeit sind aber nur Strukturen unseres Denkens, unserer Anschauung. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass es sie tatsächlich gibt. Sie sind von vornherein (a priori) in unserem Denken vorhanden.
Deshalb sehen wir alles durch diese Voreinstellung unseres Denkens. Wir haben keine Möglichkeit, die Welt zu sehen, wie sie tatsächlich ist, also objektiv. Wir erkennen sie nur aus unserem eigenen Blickwinkel, also subjektiv.

Kausalität meint: jeder Vorgang muss eine Ursache haben.
Kausalität ist ebenfalls eine Voreinstellung unseres Gehirns. Wir können nur so denken, dass alles eben eine Ursache haben muss: wenn eine Tür aufgeht, dann muss es irgend einen Vorgang gegeben haben, der die Tür geöffnet hat – so denken wir.

Dieses Prinzip der Kausalität haben wir Menschen aber nicht erst im Nachhinein, also a posteriori, erkannt. Nein: es ist eine Erkenntnisform a priori, von vornherein, unser Gehirn denkt kausal und glaubt, dass demnach die Welt auch nach kausalen Prinzipien funktioniere.

Kausalität ist aber nicht eine Kategorie der „Welt an sich“. Diese „Welt an sich“ bleibt für den Menschen nach Kants Ansicht unerreichbar, man kann nicht erkennen, wie die Welt wirklich ist – sondern nur durch die voreingestellte Brille unseres Denkens.

Das ist der Kern seiner Erkenntnislehre.

Man muss also unterscheiden zwischen
der Wirklichkeit, wie sie an sich (ohne uns) ist („Ding an sich“).
(über sie können wir nichts aussagen)

und der Wirklichkeit, wie sie sich uns (notwendigerweise) darstellt.
(Diese Wirklichkeit verhält sich sehr verlässlich für uns, in ihr gelten die sog. Naturgesetze.Allerdings sind diese Gesetze eher die Gesetze unseres Kopfes, als die Regeln der Natur, denn wo sie vielleicht nicht gelten, da versagt unsere Wahrnehmung)
Kant untersucht die Gottesbeweise und findet keinen stichhaltig. Denn: über die Sphäre Gottes können wir (s.o.) überhaupt keine wissenschaftlichen Aussagen machen. Unsere kausale Redeweise gilt nur dort in unserer Erfahrungswelt, aber nicht dort, wo wir überhaupt keine Erfahrungen machen können. (Wir können uns beispielsweise den Urknall nicht vorstellen: dass plötzlich aus Nichts Alles entsteht mit einem großen Knall).

Kant will damit nicht den Glauben beseitigen oder kritisieren, sondern mit dem theologischen Scheinwissen aufräumen (mit den Versuchen, Gott mit unseren Mitteln beweisen zu können.)

Kant: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sind aus Vernunftgründen anzunehmen, selbst, wenn man dies wissenschaftlich nicht beweisen kann.

Link zu von Weizsäcker: 

>> “Die Materie existiert nicht. Alles ist Geist. Wir sind ein Gedanke Gottes.”

Und dass der Pam Reynolds-Fall nicht angesprochen wurde, verwundert auch sehr – bietet er doch das, was Naturwissenschaftler lieben: wissenschaftliche Beweisbarkeit:

>> Nahtoderfahrungen: der Pam Reynolds Fall

foto: me you,  xxPhoebexx,flickr.com

3 Gedanken zu “Anne Will und – Immanuel Kant

  1. Mein Gehirn glaubt zum Beispiel nicht, dass die Welt komplett kausal funktioniert.
    Mein Gehirn würde sogar so weit gehen zu sagen, dass der derzeitige Erkenntnisstand der Physik diese Annahme widerlegt.
    Das ändert natürlich nichts an Kants Ergebnis, dem ich sogar – anders als sonst Kant – ziemlich vollständig zustimmen kann, aber Kausalität spielt in diesem Post eine so große Rolle, dass ich dachte, die Anmerkung könnte statthaft sein.

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  2. Danke für das Post. Es kommt leider selten genug vor, dass der Name Kant in diesem „Grabenkrieg“ überhaupt erwähnt wird.

    Zwei gute Freunde von mir sind Atheisten und obwohl ihnen der Gedanke an einen persönlichen Gott fremd ist, hegen sie eine tiefe Achtung vor der Natur und den „Mysterien“ des Lebens. Wenn ich sie „aufziehen“ will, dann bezeichne ich sie schon mal als „Pantheisten“. Einer der beiden ist Biologe, also Wissenschaftler, aber eines ist er trotzdem nicht: POSITIVIST.

    Denn um einen solchen handelt es sich wohl, der da seine Nummer bei Anne Will durchgezogen hat. Schade eigentlich, aber vielleicht bietet das Medium Fernsehen auch nicht das beste „Forum“, um differenzierter mit dem Thema umzugehen. Nicht nur wegen der Zeit. Es geht halt um Einschaltquoten.

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