Ökumene: Ein weiter Weg der Hoffnung


Thousands Meet For 2nd Ecumenical Kirchentag

Von Dr. Josef Bordat. Nachbetrachtung zum 2. Ökumenischen Kirchentag

Das Material ist gesichtet, die Eindrücke verarbeitet, eine erste persönliche Bilanz gezogen. Vor gut zwei Wochen endete der 2. Ökumenische Kirchentag in München. Es war das lang erwartete (einige sprachen gar von „ersehnte“) Zeichen der Kirche an die Gesellschaft: Wir sind da. Und wir sind mehr als „Missbrauch“.

Wir sind bereit, zur Lösung der großen Probleme der Zeit und der Zukunft unseren Beitrag zu leisten. Wir sind mit unseren Idee und unserer Kreativität in der Lage – gemeinsam mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft – den politisch Verantwortlichen bei der Erschließung von Handlungsoptionen zu helfen, mit denen es gelingt, eine Welt Wirklichkeit werden zu lassen, in der Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit oberste Prinzipien des Zusammenlebens sind. Wir lesen das „Ö“ in „ÖKT“ nicht nur als „Ökumenisch“, sondern auch als „Ökonomisch“ und „Ökologisch“. Wir wollen uns sammeln, um von München aus einen Aufbruch zu wagen, von dem letztlich nicht nur wir Christen profitieren, sondern alle Menschen.

Ökumene ist kein einfacher, sondern ein schwieriger Prozess

Es war aber auch die mindestens ebenso lang erwartete Folgeveranstaltung zum 1. ÖKT 2003 in Berlin. Ein entschlossenes Auftreten nach außen setzt eine Klärung der Möglichkeiten nach innen voraus. Auch und gerade hierzu war man in die Bayrische Landeshauptstadt gefahren – einige sogar mit dem Fahrrad.

Die Ausgangssituation war ambivalent: Die letzten sieben Jahre waren für die Ökumene einerseits magere Jahre (mancher hätte sich vom Papst deutlichere Zeichen in Richtung der evangelischen Kirchen gewünscht), andererseits aber auch fette Jahre, wenn man an die fortgesetzte Öffnung der Römisch-katholischen Kirche hin zur Orthodoxie denkt.

Ja, die Orthodoxie. Zur christlichen Ökumene, das wurde in München deutlicher als noch in Berlin, gehören eben nicht nur zwei. Auch nicht nur drei. In München waren es offiziell 17 christliche Kirchen und Gemeinschaften, die sich unter den ökumenischen Schirm stellten, den die Veranstalter aufgespannt hatten.

Es gibt grundsätzlich unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen, was Ökumene ist bzw. sein könnte. Die Positionen gehen von „friedlicher Koexistenz“ bis hin zur vollen Einheit der Kirche. Auch nach der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (1999) kann kein Zweifel bestehen: Bis dahin, also zur Einen Kirche, ist es noch ein weiter Weg. In den „Knackpunkten“ des interkonfessionellen Gesprächs (Abendmahl, Kirchenbegriff, Amtsverständnis) ist die ökumenische Bewegung arg ins Stocken geraten.

Es gibt keinen Grund zur Verzweiflung, sondern allen Grund zur Hoffnung

Doch der Stillstand sollte kein Grund zur Verzweiflung sein. Das brachte das Motto des 2. ÖKT gut zum Ausdruck: „Damit ihr Hoffnung habt“ (1. Petr 1, 21). Unter den Motiven „Ökumene vorantreiben“ (soweit es eben geht), „Vielfalt achten“ (auch über das Christentum hinaus), „Verantwortung übernehmen“ (denn Religion ist eben nicht nur Privatsache) stritten und feierten über 120.000 Dauerbesucher in den Messehallen und an vielen Open Air-Bühnen in der Innenstadt und auf den Theresienwiesen, dort meist feucht-fröhlich – über Sonnenbrand und Pollenflug hat sich während des Kirchentags kaum jemand beschwert.

Die Motive „Ökumene vorantreiben“, „Vielfalt achten“, „Verantwortung übernehmen“ entfalteten sich in vier Themenfeldern, zu denen es Vorträge, Diskussionen, Begegnungsmöglichkeiten und geistliche Angebote gab: 1. Verantwortlich handeln – Christsein in der einen Welt, 2. Miteinander leben – Christsein in der offenen Gesellschaft, 3. Suchen und finden – Christsein und die vielfältigen Orientierungen und 4. Glauben leben – Christsein in der Vielfalt der Kirchen. Dazu waren gruppen- und themenspezifische „Zentren“ eingerichtet worden, unter anderem zum interreligiösen Trialog zwischen den abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Die Organisatoren stellten ein buntes Mammut-Programm mit über 3000 Einzelveranstaltungen zusammen, die zum Zuhören, Nachdenken und konkreten Mitwirken animierten – stets getragen vom Leitmotiv „Hoffnung“.

Vielfalt als Ausdruck des christlichen Glaubens

Wenn es neben „Hoffnung“ ein weiteres Kernkonzept gibt, mit dem sich der 2. ÖKT charakterisieren lässt, dann sicherlich „Vielfalt“. Schon im 700-Seiten-Programmheft offenbarte sich dem planenden Besucher die erschlagende Veranstaltungsdichte. Bei 3000 Angeboten, von denen man an drei Tagen vielleicht ein Duzend wahrnehmen kann, fällt die Auswahl schwer.

Der ganze Facettenreichtum des Christentums zeigte sich auf der „Agora“, einem Markt der Möglichkeiten, auf dem sich über mehrere Messehallen verteilt Bistümer, Kirchenkreise, christliche Gemeinschaften, Orden und Klöster, Verbände und Einrichtungen sowie die unterschiedlichsten Interessengruppen des breiten kirchlichen Spektrums präsentierten. Diese Vielfalt des Christentums ist einerseits ein gutes Zeichen, offenbart sich doch hier die Fülle der Optionen, sich Gott zu nähern. Wer wünscht sich nicht eine offene Kirchlichkeit, in der neben der Information einer Jesuiten-Hochschule eine junge Baptistengemeinde „Pray-Stations“ nebst selbstbedruckten T-Shirts anbietet, während vom Stand gegenüber byzantinische Psalmenrezitationen zu hören sind? Alles dies ist „Christ-Sein“ im Europa des 21. Jahrhunderts.

Einheit in der Vielfalt – versöhnte Verschiedenheit

Andererseits ist diese Vielfalt ein Hemmnis auf dem Weg zu Einheit. Es fällt schwer, in dieser Vielfalt die Orientierung zu behalten – in den Messehallen des Kirchentags und darüber hinaus. Ökumenische Einheit kann man nun nicht etwa herbeiführen, indem man in Beliebigkeit verfällt. Dies widerspräche der Tatsache, dass es sich beim christlichen Glauben in seiner katholischen, evangelischen und orthodoxen Variante um ein System fester Überzeugungen handelt, die den Anspruch haben, wahr zu sein. Wahrheit ist eine ernste Angelegenheit, die man nicht der Relativierung anheim stellen darf. Ungeduld, Aktionismus, überzogene Forderungen, Polemik, aber auch ein „Bad in Harmoniesoße“ (der frühere ZdK-Präsident Meyer) hemmen den Dialog – all dies war aber leider auch an einigen Stellen auf dem 2. ÖKT spürbar. Die fortgeschrittene Kompromisshaltung in Ehren: Wer vorschnell eigene Positionen aufgibt, nur um in der Ökumene „weiter“ zu kommen, erkennt nicht, dass damit jeder Wert des Fortschritts verloren geht. Es muss gelingen, nach einem ökumenischen Schritt sich und Andere weiterhin ernst nehmen zu können. Einheit darf nicht um den Preis der Identität zu erzielen versucht werden.

Die vielbeschworene Formel der „Einheit in der Vielfalt“ kann zudem nur dann verfangen, wenn die Unterschiede der gemeinsamen Orientierung nicht im Wege stehen. Bei einigen Fragen ist das leider so. Wenn wir uns im Geiste Gottes um den Herrn versammelt wissen, schrumpfen liturgische, theologische und ekklesiologische Differenzen. Andererseits werfen diese Differenzen die Frage auf, ob die Versammlung überhaupt noch „im Geiste Gottes“ und „um den Herrn“ stattfindet. Die Vielfalt zeigt mithin schnell die Grenzen der Einigungsbemühungen auf und es stellt sich damit nicht nur deutlich die Frage, wie viel Einheit möglich, sondern wie viel Einheit überhaupt nötig ist.

Ökumenische Dialog- und Handlungsräume

Es bleibt dabei: Ökumenischer Dialog bedeutet Streit der vielfältigen christlichen Annäherungen an Gott. Dieser Streit ist konstruktiv, soweit er das Ziel – so viel gemeinsam getragene Einheit wie möglich – nicht aus dem Auge verliert und sich der Basis bewusst bleibt: des Glaubens an Jesus Christus.

Das Wort von der „versöhnten Verschiedenheit“ beschreibt wohl den Zustand der Ökumene derzeit am besten. Wer von Ungeduld getrieben ist und mehr will, wird am Ende mit weniger dastehen. Auch Großereignisse wie der 2. ÖKT können nicht dauerhaft über inhaltliche Differenzen hinwegtäuschen. Aber sie können Felder markieren, die gemeinsam bestellt werden können. Die Frage einer gerechten Wirtschaftsordnung und einer Lebensweise, die im Einklang mit der natürlichen Umwelt steht, gehören als Kernthemen christlicher Spiritualität sicherlich dazu. In der Option für die Armen und dem Bemühen um die Bewahrung der Schöpfung gibt es längst lebendige Ökumene.

Zu Gast bei Freunden

Lebendige Ökumene gibt es vor allem an der Basis, wo es die persönlichen Beziehungen sind, die die Einheit ermöglichen und die Gemeinschaft tragen. In diesem Sinne war der 2. ÖKT ein voller Erfolg. Schließlich bot er endlich mal die Chance, virtuelle Bekanntschaften aus diversen „social communities“ zu realisieren. Christen aus ganz Deutschland zu treffen, die mit einer gemeinsamen Hoffnung unterwegs sind.

Apropos Basis: Ermöglicht wurde der 2. ÖKT nicht in erster Linie durch „Stars“ wie Küng und Käßmann, vor deren Auftritten stundenlanges Schlangestehen nötig war, um noch einen der berühmten Pappkarton-Sitze zu ergattern, sondern durch die mehr als 6000 ehrenamtlichen Helfer und die über 7000 Menschen in München und Umgebung, die ihre Häuser für Gäste aus ganz Deutschland öffneten. Meine Frau und ich waren bei sehr netten Menschen in Schöngeising untergebracht, die uns in einem 200 Jahre alten Bauernhaus fürstlich beherbergten und bewirteten. Das war ohnehin die ermutigendste Begegnung dieses 2. ÖKT: Der Mann katholisch, die Frau evangelisch – Eheleute, die seit Jahrzehnten tagtäglich Ökumene leben. Wenn das keine Hoffnung gibt.

Katholik Köhler

Zum Schluss noch eine Bemerkung aus aktuellem Anlass: Ich bedauere den Rücktritt Horst Köhlers vom Amt des Bundespräsidenten außerordentlich, denn Köhler hat auch als gläubiger Christ Zeichen gesetzt. Auch auf dem 2. ÖKT. Der Katholik Köhler hat in seiner Ansprache während des Eröffnungsgottesdienstes die Kirche gegen abwertende Pauschalurteile „von außen“ in Schutz genommen und ihre großen Leistungen in ihren sozialen und karitativen Diensten herausgestellt. Das tat gut.

Josef Bordat

foto:picapp.com


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Kommentare

Ein Kommentar zu „Ökumene: Ein weiter Weg der Hoffnung“

  1. Wir sind bereits eins in Christus. Das ist nicht ausstehend, sondern das ist eine von uns einzulösende Zusage. Dass die Kirchen es noch immer nicht schaffen, diese Zusage auch in Realität umzuwandeln, liegt häufig genug an theologischer Verbohrtheit, daran, dass in den Institutionen konfessioneller Kleingeist regiert statt der weitherzige Gottesgeist.
    Die Themen „gemeinsame Eucharistie/gemeinsames Abendmahl“ (eine solche Feier hat übrigens auf dem ÖKT ganz offiziell stattgefunden: Bilder von der Ökumenischen Eucharistie …) sowie „Amtsverständnis“ und „Kirchenverständnis“ sind nur ins Stocken geraten, wenn man auf einen eingegrenzten Teil der Gespräche zwischen den Kirchen schaut.
    Zwischen römisch-katholischer und alt-katholischer Kirche gibt es zum Beispiel sehr spannende Gespräche mit hoher Übereinstimmung (vgl. Auf dem Weg zur Kirchengemeinschaft mit Rom …?), wenngleich es auch in Sachen der von alt-katholischer Seite kritisierten Stellung des Papstes (Unfehlbarkeit, oberste Richtergewalt) und der von römisch-katholischer Seite nicht akzeptablen, im Katholischen Bistum der Alt-Katholiken praktizierten Weihe von Frauen in den priesterlichen Dienst noch schwer überwindbare Hindernisse gibt.
    Und im Gespräch zwischen der evangelischen und der alt-katholischen Kirche, die sich bereits seit 25 Jahren gegenseitig zu Abendmahl und Eucharistie einladen, wird im Herbst ein neues Ökumene-Papier diskutiert werden, bei dem sicherlich auch die oben angeschnittenen Fragen erörtert werden werden.
    Insgesamt sollten wir mehr zur Haltung einer verliebten Verschiedenheit der Kirchen kommen (ich habe das in meiner Pfingstpredigt etwas näher ausgeführt: Sehnsucht nach einem neuen Pfingsten). Dann würden wir uns auch gegenseitig als Bereicherung wahrnehmen und nicht andauernd der Illusion einer uniform-geeinten Kirche nachhängen.
    Herzlich
    Walter Jungbauer, Alt-Katholischer Pastor

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