Ein Tabubruch – und ein Lied, das zu Zeiten der Neuen Deutschen Welle aufkam, einer Musikrichtung, die liberal-alternativ orientiert war. In diesem Lied werden gleich mehrmals die Tabus gebrochen, indem sakrosankte Namen verwendet werden. Sakrosankt nicht im Sinne von heilig, sondern von „in der Öffentlichkeit lieber nicht antastbar“. Die Frage an den Zuhörer lautet: nach wessen Pfeife tanzt Du ?
Wer das Lied kennt, wird sich kaum noch darüber empören. Wer es nicht kennt und zudem vielleicht aus dem pietistisch-christlich Umfeld kommt, wird sich daran stoßen.
Es geht also zentral um folgende Frage:
Nach wessen Pfeife tanzt Du in Deinem Leben ?
Hier werden faschistische Namen wie „tanz den Mussolini, tanz den Adolf Hitler“ genannt. Man sieht eine tanzende Masse, die sich schnell von dem einen Namen dem nächsten zuwendet.
Es geht weiter „tanz den Jesus Christus. Tanz den Kommunismus„.
Langsam bemerkt man, dass das Thema des Songs wohl eines ist: Ideologiekritik. Aber was bedeutet Ideologiekritik eigentlich ?
Lesen Sie hier:
Ideologiekritik geht von einer verblendeten Wahrnehmung der (gesellschaftlichen) Realität aus. Indem Ideologiekritik diese unterstellte Verblendung aufzudecken versucht, möchte sie den Zugang zu den wirklichen Verhältnissen freilegen. In der Philosophie findet der ideologiekritische Diskurs u.a. im Rahmen der Hermeneutik statt. (> Quelle)
Es geht also in dem Lied darum, etwas aufzudecken, nämlich das Denken gewisser Bevölkerungsschichten. Die einen geben sich faschistisch, die anderen folgen Jesus Christus nach – und haben ihn bereits zu einer Ideologie erhoben. Es sind Menschen, die Sonntags den Wohlfühljesus in der Kirche gepredigt hören, aber im Alltag radikal leben. Im Alltag tanzen sie vielleicht „den Mussolini“. Unter Christen geschehen die größten Untaten – unter dem Deckmantel der Christlichkeit. Dieser Song weist darauf hin.
Es geht weiter: „tanz den Kommunismus“. Auch dieser ist uns als gefährliche Ideologie bekannt, wenn wir an den einstigen Ostblock und sein totalitäres Regime denken. Doch auch hier gilt – ebenso wie bei dem Glauben an Jesus Christus – , dass eben alles Auslegungssache ist. Denn auch die christliche Urgemeinde lebte einst in einer Art Kommunismus, stellte aber fest, dass diese Art von Ideologie – zumindest in letzter Instanz – kaum lebbar ist. Wenn alles allen gehört, ist das eine schöne Vorstellung. Sie lässt aber kaum Raum für Individualität. Was in Maßen sinnvoll sein mag, wird unlebbar, wenn es zum starren System erhoben wird.
Während sich die ersten beiden Textstrophen „tanz den Mussolini, tanz den Adolf Hitler“ auf totalitäre Systeme bezieht, die sich von selbst völlig disqualifizieren, lassen die beiden anderen Systeme Raum:
„Tanz den Jesus Christus. Tanz den Kommunismus“.
Aber auch das letztgenannte System (Kommunismus) erscheint als Utopie, als kaum wirklich lebbar.
Bleibt also noch der Glaube an Jesus Christus. Dieser verkörpert Werte, auf denen ganz Europa gegründet ist. Es sind solche Werte wie, dass das Leben eines jeden Menschen göttlich gewollt ist. Daraus leiten sich universale Menschenrechte ab. Eine wichtige Grundlage – Toleranz nämlich – für das Zusammenleben auch mit Andersdenkenden.
Auch heutzutage begegnet man allen vier genannten Gruppen. Wer sich der Gruppe „tanz den Jesus Christus“ anschließt, ist gut beraten – aber nicht automatisch immun gegen die anderen Tendenzen. Es gibt Christen, die das Christentum zu einer radikalen Ideologie machen, die die zentrale Botschaft der Liebe vergessen (Doppelgebot der Liebe: Liebe Gott – und Deinen Nächsten wie Dich selbst), die totalitäre Züge in ihr Verständnis von Christentum bringen: sie grenzen Andere aus. Das geht mitunter so weit, dass sie Andersdenkenden ihren Existenzanspruch absprechen: beispielsweise die Islamphobie kann womöglich als aktuelles Beispiel angeführt werden.
Am Ende des Musikvideos schnippt ein lässig-schloddriger Wellness-Unterhaltungs-Jesus die Abendmahlsoblate weg. Wieder ein Tabubruch ?
Sicherlich. Aber diesen Unterhaltungs-Wellness-Jesus kennen wir doch alle, oder ? Sonntags in der Kirche geben wir ein heiliges Bild ab – oder mühen und zumindest darum – , dann , ein paar Stunden später im Alltag verweisen wir dies in das Reich des Sonntags – und streiten und hintergehen und intrigieren. Diesen Sonntags-Wellness-Jesus haben wir uns selbst erschaffen. Darum mögen wir ihn – und hassen es aber, wenn uns vor Augen gehalten wird, wen wir uns da erschaffen haben.
Dieser lässig-schloddrige Wellness-Jesus am Songende weiß vielleicht darum. Er weiß, dass er von Vielen nur als Wellness-Produkt gebraucht wird. Und als ein solches Produkt wirft er auch schnell mal die Abendmahls-Oblate weg: Die Wellness-Fun-gesellschaft hat keine Verwendung für das Abendmahl – also weg damit.
—
Und wenn Sie das nächste mal in eine Situation kommen, in der Sie über andere Menschen schreiben, reden, intrigieren, dann fragen Sie sich doch, bevor Sie das tun:
Nach wessen Pfeife tanze ich hier gerade ?
Hier nun das Video:
Infos über die Band > DAF.
p.s.: warum eigentlich dieses Lied in diesem Beitrag ? Es hat zwei Gründe: zum einen stolperte ich zufällig darüber. Zum anderen befindet sich die Wirtschaft in einer großen Krise: eine gefundene Zeit für Volksverführer. Drum also Zeit dafür, sich über das Thema Gedanken zu machen: welcher Ideologie schließen wir uns – vielleicht unwissend – an ?
Text:
Geht in die Knie
Und Klatscht in die Hände,
Beweg deine Hüften,
Und tanz den Mussolini
Tanz den Mussolini [2x]Dreh dich nach rechts,
Und klatsch in die Hände
Und mach den Adolf Hitler,
Tanz den Adolf Hitler [3x]Und jetzt den Mussolini
Beweg deinen Hintern,
Beweg deinen Hintern,
Klatscht in die Hände,
Tanz den Jesus Christus [3x]Geh in die Knie,
Und dreh dich Nach rechts,
Und dreh dich nach links,
Klatsch in die Hände,
Und tanzt den Adolf Hitler,
Und tanzt den Mussolini,
Und jetzt den Jesus Christus [2x]Klatscht in die Hände,
Und tanz den Kommunismus,
Und jetzt den Mussolini,
Und jetz Nach rechts,
Und jetz nach links,Und tanz den Adolf Hitler [2x]
Und jetzt den Mussolini [2x]Tanz den Jesus Christus,
Beweg deinen Hintern,
Und wackel mit den Hüften,
Klatsch in die Hände,
Und tanz den Jesus Christus, [2x]
Und jetzt den Mussolini,
Und jetzt den Adolf Hitler,
Geb mir deine Hand [2x]Und tanz den Mussolini,
Tanz den Kommunismus [2x]
Und jetzt den Mussolini [2x]
Und jetzt den Adolf Hitler [2x]
Und jetzt den Jesus Christus
Und jetzt den Mussolini
Und jetzt den Kommunismus
Und jetzt den Adolf Hitler
Und jetzt den Mussolini [2x]
Tu den Mussolini,
Tanzen wir den Hitler, [2x]
Und gehn in die Knie,
Beweg deine Hüften,
Klatsch in die Hände
Und tanz den Jesus Christus…
Titelfoto: wolfgang wildner,flickr.com



Kommentar verfassen