Am seidenen Faden

achterbahn roby2 Minuten dauert die Erfahrung. Und viele finden sie einfach nur cool. Ich war früher auch so. 12 Personen erleben sie gleichzeitig. Es fängt noch recht harmlos an. Ein Gurt kommt von links, oder besser gesagt: ein massiver kunststoffummantelter Stahlfinger, der einem auf den Bauch drückt. Bei jeder Fahrt meint einer der Passagiere, man solle dieses Ding noch einmal öffnen, er habe es zu fest an sich herangedrückt. Dann geht es noch recht entspannt in die Höhe, bis auf ca. 40 Meter – allerdings senkrecht. Europas höchster Vertikallift. Stopp. Klack. Der Wagen rastet ein.

Das Ding bleibt stehen. Man ist froh um diesen Stahlfinger, der einen hält, der den Bauch umschlingt – ohne ihn würde man nach hinten aus dem Sitz rutschen. Klein sieht man den Vergnügungspark unter sich. Doch dann wird es wirklich unangenehm. Langsam fährt der Wagen weitere 10 Meter in die Höhe, wo wir – langsam – rückwärts über Kopf nach hinten fahren.

Und dann ist es vorbei mit der Langsamkeit. Europas einzige Achterbahn mit negativer G und ohne Schulterbügel. Will heißen: wir fahren in eine 360 Grad Schraube hinein, aber werden nicht in die Sitze gedrückt, sondern aus ihnen heraus. In 50 Metern Höhe. Spätestens nun ist auch wirklich der letzte Fahrgast sehr heilfroh um diesen Stahlfinger, der ihn festkrallt. Ginge er auf – es wäre unmöglich, sich bei diesen Kräften weiter festzuhalten. Man würde im hohen Bogen aus dem Sitz geschleudert und 50 Meter nach unten fliegen.

Danach donnern wir vorwärts 40 Meter nach unten, durch die Einstiegstelle hindurch, wieder senkrecht nach oben. Stehenbleiben. Rückwärts zurück, zum Teil wieder zurück in die Schraube, stehenbleiben, wieder nach vorne.

Irgendwann hat es sich ausgependelt. Dann beginnt das Ganze noch einmal von vorne: Vertikallift, über Kopf, 360 Grad Schraube in 50 Metern Höhe.

Wie gesagt, früher fand ich sowas toll. Doch ich verlasse das Gerät und weiß, ich werde nicht mehr fahren. Zu groß ist mein Respekt geworden vor der Technik. Vor diesem Stahlfinger, der uns hält. Wenn er aufgeht – dann wars das. Irgendwie bin ich wohl zu ängstlich geworden, denke mir Situationen durch, was alles passieren könnte. Habe aus der Situation gelernt. Habe daraus gelernt ? Oder werde ich nicht nächstes Mal doch wieder einsteigen ? Während ich hier schreibe, kommt schon wieder die Lust auf Nervenkitzel durch.

Vielleicht ist diese Achterbahnfahrt auch eine Metapher fürs Leben. Schnell, rasant, wild mitunter. Und teils so, dass man denkt, man kann abstürzen. Wenn da nicht dieser Stahlfinger wäre, der einen hält.

Ein Christ, Jude, Moslem denkt bei dieser Metapher sicherlich an Gott. Andere Menschen haben andere Antworten darauf, was für sie dieser Stahlfinger ist.

Hier können Sie sich ein Video dazu anschauen: > hier.

foto: roby,flickr.com


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Kommentare

3 Kommentare zu „Am seidenen Faden“

  1. die überschrift ist vielleicht etwas irritierend, weil der seidene faden dann doch ein stahlfinger ist.
    aber ansonsten spritzig und nachvollziehbar beschrieben – guter artikel.
    und ja – ich bekenne mich auch dazu, dass diese art von vergnügen nicht (mehr) zu meinem leben gehört, dazu bin ich viel zu ängstlich:-)

  2. Avatar von dream

    Nein, eine solche Fahrt war noch nie mein Ding und ich habe nur einen einzigen Versuch gebraucht um es festzustellen.
    Das Video überreizt mich schon nach wenigen Sekunden.
    Lieber festen Boden unter den Füßen und eine freundliche warme Handreichung.

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