Auf vielfachen Wunsch beginne ich heute mit einer vermutlich recht langen Reihe über das Thema Heilung. Ich bin auch vorher schon auf die Idee gestossen worden, mal ein Buch darüber zu schreiben, fühle mich da aber noch nicht reif für. Vielleicht werden ja diese Blogeinträge Vorarbeiten zu einem Buch, wer weiss?
Toby hat meine Theologie deutlich als „einseitig“ bezeichnet, andere haben das nicht ausdrücklich gesagt, es aber in einigen Kommentaren mindestens impliziert. Das ist natürlich nicht das, was man gerne hört. Schon gar nicht, wenn man selber „ausgewogener Theologie“ einen hohen Stellenwert beimisst. Ich möchte gleich am Anfang sagen, dass es mir darum geht einen ausgewogenen Ansatz zu lehren und ich deshalb Vorwürfe der Einseitigkeit unbedingt ernst nehme. Allerdings sollten wir genauer definieren, was mit ausgewogen gemeint ist.
Ich habe da selber eine Reise hinter mir. Früher war Ausgewogenheit für mich immer, „das eine, aber auch das andere zu lehren“ und der Versuch Spitzen aus der Lehre herauszuhalten. Es gibt Themen, die machen es unbedingt erforderlich, auf diese Weise ausgewogen zu lehren. Die Bibel lehrt das meiste in „Wahrheitsspannungen“, Wahrheit ist da mit den Polen einer Batterie zu vergleichen, es gibt plus und minus und nur, wenn beide zusammen kommen funkt es.Deutlich sieht man es an einem breit angelegten Thema in der Bibel: der Spannung zwischen der Souveränitat (Allmacht) Gottes und der Verantwortung des Menschen. Man kann hier lehrmässig von beiden Seiten vom Pferd fallen und kann entweder die Allmacht so ausgefeilt predigen dass der Eindruck entsteht, dass der Mensch unbedeutend ist im Bau des Gottesreiches (wie das gelegentlich in calvinistischen Kreisen rüberkommt) oder man kann die Verantwortung so übertreiben, dass Leute darunter zusammenbrechen und ausbrennen (wie es bei stark evangelistischen Predigern vorkommt). Bei solchen und ähnlichen Themen ist es wichtig eine biblische Balance zu bringen, denn beides ist unser Erbe. Wann immer ich über ein Thema predige bei dem Gott Ansprüche an unser Leben stellt bemühe ich mich, die Errettung ganz aus Gnade auch noch mit heineinzubringen um niemanden unter ein Joch des Gesetzes zu bringen und das Gefühl zu geben, das Heil stünde zur Debatte wenn er nicht tut, was der Heiland sagt.
Es gibt aber auch Themen wo Ausgewogenheit nicht bedeuten kann, die eine und die andere Seite zu lehren weil es nur eine Seite gibt. In diesen Fällen ist Ausgewogenheit das predigen gesunder Lehre (2.Timotheus 4,8) – einer Lehre die frei macht nach Gottes Maßstäben zu leben. Die Ausgewogenheit um die es hier geht ist die Ausgewogenheit des Reiches: man kann es von zwei Seiten betrachten, einmal von der Seite des Reich-Gottes-Ideals (so soll es sein, so hat der Schöpfer es gedacht) und einmal von der Seite der menschlichen Lebenswirklichkeit. Ausgewogenheit in diesem Zusammenhang ist also nicht das sehen einer Wahrheitsspannung sondern einer Wirklichkeitsspannung, wir leben noch nicht in dem, was Gottes vollkommener Wille für uns geplant hat.
Wenn ich in solchen Fällen einseitig werde tendiere ich zu einem einseitigen lehren der Wirklichkeit Gottes. Es gibt aber auch Gegenbeispiele in denen der Heilige Geist mir eine pastorale Predigt aufs Herz legt und ich die ganze Sache von der menschlichen Seite her angehe (auch von der menschlichen Enttäuschung her). Beide Seiten sind erst einmal legitim, wobei ich aber davon ausgehe, dass die meisten die Seite der menschlichen Lebenswirklichkeit besser kennen als die des göttlichen Planes und ich es deshalb für pädagogisch sinnvoller halte diese Seite stärker vor Augen zu malen als die andere. Lehre kann also in diesen Fällen als einseitig empfunden werden. Das muss aber nicht heissen, dass jeder, der so lehrt deshalb einseitig denken müsste, es ist einfach nur sinnvoll nicht immer ausgewogen zu lehren weil man sonst nicht den Punkt rüberbringen kann um den es geht. Wenn wir davon ausgehen, dass Jüngerschaft ein Prozess ist in dem wir lernen unser Leben immer mehr der Realität des Reiches anzupassen, dann ist es sinnvol auch mal etwas zu provozieren und Dinge klar und überspitzt darzustellen, die man in anderem Umfeld vielleicht anders sagen würde. Beim Beispiel der Heilung haben einige Geschwister damit Probleme, aber in anderen Feldern machen es alle so.
Unter diese zweite Kategorie von Ausgewogenheit und gesunder Lehre fallen mir alle Themen, die mit der Erlösung Christi zu tun haben. Da gibt es kein „dies, aber auch das“. Jesus ist gestorben und auferstanden und hat damit etwas erkauft. Punkt. Er ist nicht für diese gestorben, für jene aber nicht. Es kann auch nicht der eine alles bekommen für das Jesus geblutet hat und der andere nicht. Gesunde Lehre ist eine Hilfe dazu das anzunehmen, was uns in Christus gehört. Es geht darum, die eine Realität (unsere menschliche Lebenswirklichkeit) der anderen Realität (Gottes Reich) anzupassen. Hier theologische Abstriche zu machen ist unstatthaft.
Um es vorausblickend vorweg zu nehmen: ich bin überzeugt, dass Heilung ebenso ein Teil der Erlösung ist wie die Sündenvergebung. Ich werde das später noch beweisen, aber ich möchte hier gerne schon einmal die Marschrichtung zeigen.
Umgang mit Spannungen
Ich glaube, dass jeder Christ die Spannung zwischen den Wirklichkeiten mindestens mal gespürt hat, wenn nicht immer noch spürt. Wie wir mit der Spannung umgehen entscheidet darüber ob unsere Theologie ausgewogen, liberal oder fanatisch ist. (manche benutzen „extrem“ lieber als fanatisch, aber extrem ist bei mir positiver belegt als bei den meisten, deswegen entscheide ich nich für „fanatisch“). Reden wir über gläubige Theologie, dann sind das die drei möglichen Positionen:
liberal < –> ausgewogen < –> fanatisch
Liberale Theologie entsteht wenn die Seite der menschlichen Lebenswirklichkeit zur Richtschnur theologischer Erenntnis erhoben wird. Dann kommen in Bezug auf Heilung Willkührtheologien heraus. Man sieht, dass die einen geheilt werden, die anderen aber nicht und schliesst daraus, dass es nicht Gottes Wille sein kann, dass jeder geheilt wird. Diese Ansicht findet man natürlich leicht in der Bibel wieder, was ich allerdings als induktiven Schluss empfinden würde.
Bei Themen wie Heilung, Befreiung, Erlösung u.a. ist natürlich immer eine gewisse Druckgefahr gegeben. Jemand der nicht durch Gebet geheilt wird kann unter Druck kommen. Druck muss immer ausgeglichen werden sonst explodiert etwas. Man kann den Druck, der aus der Heilungswunsch abgeleitet wird im Prinzip nur auf eine von lediglich drei Möglichkeiten ausgleichen: entweder liegt es an Gott, dass jemand nicht geheilt wird, oder am Menschen oder am „Geheimnis“ (man kann es nicht sagen, Monokausalität ist ein Irrtum).
Liberale Theologie gleicht den Druck auf Gottes Seite (und Kosten!) aus, sie geht davon aus, dass Heilung unberechenbar ist und sagt, dass „der Geist weht, wo er eben will“ (was übrigens nicht in der Bibel steht). Manche gehen sogar so weit zu sagen, dass es überhaupt keine Heilung mehr gibt und generell das Übernatürliche nebst allen Gaben aufgehört habe. Diese Theologie des Dispensationalismus halte ich für völlig falsch und werde da auch nicht weiter drauf eingehen. Es gibt so viele Zusatzbehauptungen, die man aufrechterhalten muss um sie zu glauben, dass das Resultat theologisch unredlich ist.
Meiner Ansicht nach liegt eine grosse Gefahr beim Druckausgleich auf Gottes Seite: man diskreditiert die Persönlichkeit des Vaters. Es ist schwer, wirklich Vertrauen zu fassen zu einem allmächtigen Vater, der in nicht nachvollziehbarer Weise die einen heilt, die anderen aber nicht. Das macht weitere Fässer auf und führt in der Konsequenz zu Verwirrung und steigendem Misstrauen gegenüber Gott. Das Leben mit dem Heiligen Geist ist kein russisches Roulette in dem die einen Gutes bekommen und die anderen nicht. Gott ist nicht der grosses unberechenbare Faktor zu dem ihn manche machen sondern hat sich im Wort offenbart.
Fanatische Theologie entsteht wenn der Druckausgleich völlig auf die Seite des Menschen gestellt wird. Damit geht normalerweise ein ausgeprägt monkausales Denken einher: es kann nur eine menschliche Ursache dafür geben, dass jemand nicht geheilt wird. Je nach Schule differieren die Ursachen etwas voneinander. Die einen sagen, dass an versteckter Sünde liegt, für die anderen ist fehlender Glaube die einzige Ursache, oder Unvergebenheit oder derTeufel oder….
Dass solche Theologien als unausgewogen und unentspannt wahrgenommen werden glaube ich aufs Wort. Ich empfinde da genauso. Diese Theologien haben immerhin einen Vorteil: der Charakter des Vaters bleibt intakt und man kann ihm am Ende nichts Schlechtes unterstellen. Dafür sind sie natürlich eine seelsorgerliche und pastorale Katastrophe und hinterlassen eine wüste Spur menschlicher Kollateralschäden. Auch wenn solche Theologien oft im Bereich der Glaubenslehre auftauchen sorgen sie eigentlich dafür, dass der Glaube in Verruf kommt weil er mit einem Hang zu Gesetzlichkeit und menschlicher Leistung gepredigt wird. Das solche Theologie Opfer mit sich bringt ist klar.
Auch in Bezug auf Heilung, die ja das eigentliche Ziel ist, bringt eine solche Denke nicht viel. Ich habe erlebt, dass Verkrampfung es immer erschwert von Gott zu empfangen. Ein Denken, das in Gesetzlichkeit führt führt aber auch zu Verkrampfungen. Somit sind dem Empfangen göttlicher Heilung in solchen Systemen oft Steine in den Weg gelegt.
Ich möchte noch anmerken, dass es relativ selten vorkommt, dass tatsächlich so gelehrt wird. Bei Leuten denen das oft nachgesagt wird, habe ich derlei Äusserungen nie gehört. Ich vermute dass auch hier, wie so oft „das Schwein im Ohr des Hörers sitzt“ und Leute zwischen den Zeilen etwas lesen, was niemand dahin geschrieben hat. Vielfach reicht ein Zeugnis von jemandem, der eine Sünde bereinigt hat und daraufhin geheilt wurde aus um jeden im Saal nach versteckter Sünde suchen zu lassen. Um den gravierenden Unterschied zwischen Zeugnissen und Prinzipien wird es noch gehen, deswegen hier erst einmal nur diese kurze Anmerkung.
Ausgewogene Theologie lässt den Druck erst einmal da wo er hingehört: im Geheimnis. Ich will ehrlich sein: ich habe meistens keine Ahnung warum ein Mensch nicht geheilt wird. Wenn mir Gottes Geist keine Offenbarung gibt kann ich in keinem Einzelfall sagen woran Misserfolge liegen. Mögliche Gründe gibt es wie Sand am Meer, und das einzige was ich ganz sicher weiss ist: es ist nicht Gottes schuld. Gott will heilen und hat die Grundvoraussetzungen geschaffen.
Ich weigere mich, einen Druck aufzubauen, weder in der einen noch in der anderen Richtung. Da denke ich wie die Kollegen in der medizinischen Heilungsrichtung: es gibt Krankheiten die wir noch nicht heilen können weil uns schlicht das nötige Wissen fehlt. Ich habe in den vergangenen Jahren so viel über Heilung im Speziellen und das Übernatürliche im Allgemeinen gelernt, dass ich es für hochgradig wahrscheinlich halte, dass ich weiter viel lernen werde. Leute, die früher nicht geheilt worden wären werden heute geheilt und Menschen die heute nicht geheilt werden werden morgen geheilt – so ist das wenn man wächst.
Ich bekomme nicht jeden geheilt, ebenso wenig wie die Ärzte. Es gibt Leute, die werden nie geheilt und manche sterben an ihren Krankheiten. Das ist schlimm, aber nicht vermeidbar. Nur darf es uns nicht davon abhalten weiter medizinische Forschung zu betreiben und in den Bereich göttlicher Heilung hereinzukommen.
Ausgewogene Theologie, gesunde Lehre sieht beide Realitäten. So kann es in der Praxis sein, dass man den einen heilt und mit dem anderen weint. Wir haben den Gott-Faktor immer auf dem Schirm, sind aber auch bereit Leute einfach in ihrem Leiden zu tragen. An diesem Punkt der Praxis hört Theologie immer auf zynisch zu sein. Es geht in allem Heilungsdienst nur darum Menschen mit der Liebe Gottes in Kontakt zu bringen. Der A-Plan ist immer Heilung, aber wenn der versagt, muss eben der B-Plan her: Trost und Begleitung.
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Bild: © Günter Havlena | pixelio.de



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