(A-)Religiös unmusikalisch

Bisher war ich immer der Ansicht, jeder Mensch ist religiös, auch wenn das mitunter sehr unkonvetionelle Formen annehmen kann. Gerade die aktuelle Auseinandersetzung mit dem „neuen Atheismus“ zeigt, wie tief Religiosität verankert ist, wenn auch vielleicht mit negativem Vorzeichen.
Nun wurde ich eines besseren belehrt. In diesem sehr guten Ausatzband zu Gemeindepflanzungen (church planting) fand ich einen Artikel über die religiöse Situation in den neuen Bundesländern von E. Tiefensee.

Meine bisherige These hat zwei gewichtige Schwachstellen:

1. Wie niederschwellig muss man den Begriff „religiös“ definieren, damit es wirklich jeden Menschen trifft? Und ist dieser Begriff dann überhaupt noch zur Kommunikation tauglich?

2. Mit der Aussage, jeder Mensch sei religiös, wird eben diese Religiosität zu einem Definitionsmerkmal des Menschseins. Und dann stoßen wir auf dieselbe Problematik wie bei anderen Definitionsmerkmalen wie „vernunftbegabt“ o.ä.. Denn hat das Menschsein von Lebewesen einen Anfang bzw. Ende unabhängig von deren Lebensgrenzen. M.a.W., hört ein Mensch auf Mensch zu sein, wenn er an Altersdemenz leidet und man dann nicht unbedingt von vernunftsbegabt oder religiös sprechen kann? Wohl kaum. Oder was ist mit mit Embryonen oder Schwerstbehinderten?

Unabhängig davon scheint es wirklich Menschen zu geben, die „religiös unmusikalisch“, also nicht religiös sind. Zitat: „Es gibt dort, soweit zumindest derzeit statistisch feststellbar, keine außerkirchliche Religiosität: Ostdeutsche fahren auch nicht zum Dalai Lama„.

Das ist für Menschen wie mich unvorstellbar, denn ich bin in umgekehrter Weise „areligiös unmusikalisch“.

Der Unterschied liegt nicht in der Frage nach immanenten oder transzendenten Weltbildern – damit grenzt man nur Atheisten und Agnostiker aus, bleibt aber im Bereich des Religiösen. Nein, der Areligiöse kennt nicht einmal diesen Unterschied. Er „macht sich keine Platte darum“. Es ist für sie weder nachvollziehbar oder relevant.
Areligiös wird man erst aus der Sicht von Religiösen.

Auch die viel bemühte Sinnfrage als säkularisierte Form der Frage nach Gott ist kein Indiz. Denn außer in Krisensituationen wird sie kaum gestellt. Und selbst dann gibt es noch gänzlich areligiöse Antworten. Es gibt z.B. wirklich Menschen, den genügt die Vorstellung, dass mit dem Tod alles aus ist.
Zitat: „Not lehrt demzufolge nur die beten, welche schon beten können – oder es zumindest einmal konnten.“

Was heißt das für die missionarische (bzw. missionale) Praxis?
Konventionelle Ansätze, die Lebenssinn und Ewiges Leben in Aussicht stellen, greifen hier nicht. Im Marketing damals hieß es immer „Bedarf wecken, Bedarf decken“. D.h. man schafft dem Gegenüber erst ein Problembewusstsein, um darauf sofort eine Lösung anzubieten. Selbstverständlich „kostenfrei zur Ansicht“.
Ich glaube, in der Mission kommen wir damit nicht weit.

Tiefensee schlägt eine „absichtslose Mission“ vor. So wie Gott die Menschen ohne Hintergedanken liebt, so müsse Menschen eben diese Menschenfreundlichkeit Gottes in Wort und Tat bezeugt werden.

> Blog des Autors

Foto: geralt/pixelo.de

12 Gedanken zu “(A-)Religiös unmusikalisch

  1. Es gibt keine eindeutige Definition von dem Begriff „Religion“. Ich habe auch schon die Aussage gehört, dass das Christentum keine Religion sei, weil es sich nicht nach einem Regelwerk ausrichtet, sondern den Glaube in den Mittelpunkt stellt.

    Auch wenn ich „Religion“ oft in anderem Zusammenhang verwende, würde ich schon sagen, dass im Grunde jeder Mensch eine Religion hat. Luther hat mal gesagt: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“ und ich würde noch hinzufügen: das ist deine Religion.
    Z.B. Kommunismus, Naturalismus, der eigene Mann/ die eigene Frau, Fußball, Starkult, Geld, Karriere, das Ego, usw. kann alles eine Form der Religionsausübung sein. Und so gesehen ist jeder religiös, weil jeder sein Herz an irgend eine Person oder Sache hängt. Das Grundbedürfnis nach Gott hat jeder Mensch und wenn er ihn nicht finden kann, dann füllt er die Leere in sich mit irgend etwas anderem. Sogar suizidgefährdete Menschen hängen ihr Herz an etwas. In dem Fall ist das der Tod.

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  2. @sapere aude:
    Wieso, fühlst du dich belästigt, oder hast du die Befürchtung, dass jemand belästigt werden könnte? Oder wurdest du oder andere in der Vergangenheit belästigt? Das würde mich genauer interessieren, wie das abgelaufen ist und welche Erfahrungen du dabei gesammelt hast.

    Ich finde, alle Menschen sollten die frohe Botschaft hören. Und wer sie ablehnt, sollte dann auch von den Christen in Ruhe gelassen werden. Aber es gibt Menschen, die sind dankbar, wenn sich jemand um sie kümmert und sie so annimmt, wie sie sind. Und die wollen wir erreichen.

    Missionierung hat immer eine große, positive Seite, die du aus deiner persönlichen Perspektive heraus vermutlich nur schwer wahrnehmen kannst. Unsere Motivation kommt jedenfalls aus der guten Absicht heraus, den Menschen zum Leben zu verhelfen. Und ich kenne viele Menschen, die in Jesus Christus einen Gewinn für ihr Leben gefunden haben.

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  3. „der sie so annimmt wie sie sind“ !!!

    genau!

    geht das irgendwie auch ohne jesus?

    also könnt ihr den irgendwie weglassen und die ganze „frohe botschaft“ und das alles, und die leute einfach liebhaben, ohne dabei an gott zu denken?

    so wie die menschen, die nicht an einen übernatürlichen mann glauben das mit andern, die auch nicht an einen übernatürlichen mann glauben tun.

    könnt ihr nicht, oder?

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  4. „Und ich kenne viele Menschen, die in Jesus Christus einen Gewinn für ihr Leben gefunden haben.“

    Wieviele kennst Du, die das nicht tun?

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  5. “der sie so annimmt wie sie sind” !!!

    genau!

    geht das irgendwie auch ohne jesus?

    Schon möglich, bei mir persönlich ist es jedenfalls so, dass Jesus mir erst so richtig die Power mitgibt, die ich dazu brauche. Es gelingt mir mit ihm auf jeden Fall besser, als ohne ihn.

    Und Jesus sagt:

    Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.
    (Mt 11,6)

    Probier mal aus, ob das stimmt. Ich denke, er hat Recht. 😉

    “Und ich kenne viele Menschen, die in Jesus Christus einen Gewinn für ihr Leben gefunden haben.”

    Wieviele kennst Du, die das nicht tun?

    Auch viele. Aber ich kenne niemand, der durch Jesus Christus etwas verlieren würde.
    (Es gibt höchstens Leute, die Schaden erleiden, wenn seine Lehre pervertiert wird. Von denen kenne ich aber auch niemanden persönlich.)
    Unterm Strich ist Jesus also ein Gewinn für die Welt, wenn auch nicht für alle Menschen.

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  6. Ich frag einfach nochmal:

    also könnt ihr den (jesus) nicht irgendwie weglassen und die ganze “frohe botschaft” und das alles, und die leute einfach liebhaben, ohne dabei an gott zu denken?

    so, wie die menschen, die nicht an einen übernatürlichen mann glauben, das mit andern, die auch nicht an einen übernatürlichen mann glauben, tun.

    könnt ihr nicht, oder?

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  7. ah, tschuldigung, hab nicht richtig gelesen. ok. mit jesus geht es besser. klar. aber habt ihr schonaml von Karl Marx gehört? der is nämlich noch viel cooler.
    Ich muß echt sagen, der gibt mir tierische Power. Der hat soviel Liebe und Güte für die Menschen gehabt, dass auch für Euch nochwas übrig ist. wollt ihr nicht mal eine Blick in „Das Kapital „werfen?

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  8. Na gut, das ist dein Glaube, den will ich dir nicht nehmen.
    Aber eine Frage habe ich trotzdem: Kann der auch so coole Sachen wie „von den Toten auferstehen“? 😉

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  9. klar! mehrmals! und andere tote hat er gleich mitgebracht. das ist echt ein cooler kerl. kann ich nur empfehlen! und extrem viel wunder hat er vollbracht. macht er heut noch. leute, die ganz fest an ihn glauben werden gesund. krass, oder?

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