Ein Pfarrer hat von einem Erlebnis erzählt, das ihn sehr berührt hat. Er war zu Besuch in einem Gefängnis. Dort traf er auf eine Gruppe Gefangener, die damit beschäftigt waren, Collagen herzustellen. Das Thema dieser Collagen aus Schnipseln von Zeitungen und Zeitschriften war: „Wie stelle ich mir ein gutes und gelungenes Leben vor…oder was ersehne ich mir am meisten, wenn ich hier wieder rauskomme?“
Wünsche
Die einen haben Bilder mit weiten Stränden, Meer und Sonne geklebt, andere haben eine Vielzahl Leckereien aufs Papier gepinnt, oder ein kühles Bier, ein prächtiges Haus und schöne Frauen. Wünsche, die mehr als nachvollziehbar sind, in einer Situation, in der sich das Leben auf wenigen Quadratmetern hinter Gittern abspielt und der Blick aus dem Fenster der Blick in den Gefängnishof ist.
Eine Brille
Unter all diesen voll geklebten Blättern war eines, das besonders aufgefallen ist: Ein nahezu leeres weißes Blatt. Nur das Foto eines einzigen winzigkleinen Gegenstands hatte der Strafgefangene ausgeschnitten und aufgeklebt: Eine Brille.
Der Pfarrer blieb bei dem Mann, der dieses Bild gemacht hatte, stehen und fragte ihn, was er damit ausdrücken wolle.
„Ich möchte gesehen werden.“, sagte er schlicht und doch bestimmt.Soweit das Erlebnis dieses Pfarrers im Gefängnis. Dieser Satz geht mir dann doch nach. „Ich möchte gesehen werden.“ Mehr wollte er nicht. Aber auch nicht weniger! Er drückt eine tiefe Sehnsucht aus, die uns wohl alle im Innersten umhertreibt.
Niemand fragt…
Jeder von uns möchte gesehen werden. Möchte wahrgenommen werden. Und zwar als derjenige, der er wirklich ist. Es geht nicht um das Bild, welches sich die anderen von ihm machen. Oder um die Rolle, die er glaubt, spielen zu müssen.Das erinnert mich an die Klage Davids, der seine innere Not einmal so formulierte: „Niemand fragt nach meiner Seele.“ (Psalm 142,5). Das ist bitter. Nicht gefragt zu sein, unscheinbar, man fällt durchs Raster der Anderen, wird nicht bemerkt.Umso verständlicher der Wunsch des Gefangenen, gesehen zu werden. Es ist, glaube ich, unser aller Wunsch.
ER sieht
Und dabei gibt es einen, der unablässig aktiv ist, nach seinen Geschöpfen zu schauen: „Denn die Augen des Herrn schweifen über die ganze Erde, um denen ein starker Helfer zu sein, die mit ungeteiltem Herzen zu ihm halten.“ (2. Chronika 16,9)Da gab es übrigens mal eine Frau – Hagar – die sich einmal ganz verlassen fühlte in ihrem Elend und ihrem Alleinsein. Doch gerade in ihrer Misere begegnet ihr Gott und sie bekennt staunend: „Da nannte sie den Namen des HERRN, der zu ihr geredet hatte: Du bist ein Gott, der mich sieht*! (1. Mose 16,13; * ein Gott des Sehens; hebr. el roi).
Ich möchte gesehen werden, von Gott (das hat er zugesagt) und von Menschen. Aber ich möchte auch selbst sehend werden. Andere sehen. Die Menschen, die mir heute begegnen, richtig wahrnehmen, wirklich sehen…
Foto: Klicker,pixelio.de



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