
Schwarzer Rauch über Moskau
Lange Zeit ließ es sich im fernen Moskau recht angenehm leben. Man konnte gemütlich zu Hause sitzen und so tun, als hätte der selbst begonnene Angriffskrieg gegen die Ukraine absolut gar nichts mit dem eigenen Alltag zu tun. Doch diese gemütliche Illusion ist endgültig verpufft. Der Krieg, den man so gerne verschwieg, ist mit lautem Knall ins russische Herz zurückgekehrt. Und dieses Mal lässt er sich von niemandem mehr weglächeln.
Der jüngste Großangriff der Ukraine hat der russischen Hauptstadt den bisher schwersten Schlag versetzt. Wenn eine wichtige Ölraffinerie nur 17 Kilometer vom Kreml entfernt in Flammen aufgeht und riesige, schwarze Rauchwolken den Himmel verdunkeln, hilft auch die beste Propaganda nicht weiter. Die weitreichenden Auswirkungen für das System sind unübersehbar: Alle Moskauer Flughäfen dicht, Bewohner in der Evakuierung – der Krieg ist kein fernes Fernsehspektakel mehr, sondern bittere Realität auf den eigenen Straßen.
Spannend wird es wie gewohnt bei den offiziellen Zahlen. Während Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin stolz von 180 abgewehrten Drohnen sprach, legte das Verteidigungsministerium noch eine Schippe drauf und meldete landesweit über 500 zerstörte Drohnen. Eine beeindruckende Erfolgsquote der Luftabwehr, die allerdings die Frage offenlässt, warum die Hauptstadt am Tag danach trotzdem wie ein brennender Schornstein aussieht.
Aus Sicht von Wolodymyr Selenskyj ist diese Aktion eine völlig gerechtfertigte Antwort auf den anhaltenden Terror gegen die Ukraine. Der massive Drohneneinsatz folgt einem klaren strategischen Ziel: Er soll Wladimir Putin an den Verhandlungstisch zwingen. Kyjiw macht unmissverständlich klar, dass die Zeit für ein Ende des Krieges gekommen ist und Russland endlich die notwendigen diplomatischen Schritte einleiten muss.
Für den Kreml-Chef könnte es nun ungemütlich werden. Wenn die eigene Bevölkerung merkt, dass der vermeintlich starke Mann nicht einmal die Metropole vor der eigenen Haustür schützen kann, gerät das Fundament der Macht ins Wanken. Der feine Herr Diktator sitzt vielleicht gar nicht mehr so sicher im Sattel, wie er glaubt. Und in Moskau, das weiß man ja aus der Geschichte, fallen erfolglose Politiker manchmal erstaunlich schnell aus irgendeinem Fenster.
In Bezug auf den ukrainischen Großangriff von heute: Das war womöglich erst der Anfang.
Wenn der Wind sich dreht
Die Ukraine hat bewiesen, dass sie die wirtschaftliche Lebensader der russischen Kriegsmaschinerie empfindlich treffen kann. Für Putin wird es immer schwieriger, den Kopf in den Sand zu stecken, während direkt nebenan die Treibstoffreserven abbrennen. Die Botschaft ist unmissverständlich im Kreml angekommen: Wer einen Krieg anzettelt, kann sich irgendwann auch zu Hause nicht mehr in Sicherheit wiegen.
Quelle: ZEIT



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