
Die europäische Kritik an Donald Trump, er handle im Iran planlos, ist politisch verständlich — aber sie ist auch bequem. Denn sie erlaubt es, die Debatte so zu führen, als gebe es auf der einen Seite nur amerikanische Impulsivität und auf der anderen Seite europäische Vernunft. Die aktuelle Lage ist komplizierter. Der Krieg zwischen den USA, Israel und Iran läuft inzwischen in die vierte Woche, die Straße von Hormus ist weitgehend blockiert, die Energiepreise sind stark gestiegen, und Washington hat zugleich Marines in die Region entsandt und Sanktionen auf bereits auf See befindliches iranisches Öl vorübergehend gelockert, um zusätzliches Angebot auf den Markt zu bringen. Das wirkt widersprüchlich — ist aber nicht zwingend strategielos.
Denn hinter Trumps Vorgehen lässt sich durchaus ein mögliches Kalkül erkennen: militärischer Druck auf Iran, kombiniert mit marktpolitischen Maßnahmen, um den eigenen Preisschock zu dämpfen. Reuters berichtet, dass die US-Regierung mit der 30-Tage-Ausnahme für iranisches Öl rund 140 Millionen Barrel zusätzlich in den Markt bringen will. Parallel signalisiert Washington damit, dass es nicht nur auf Siegessymbole schaut, sondern auch auf die innenpolitisch gefährlichen Folgen explodierender Energiepreise. Das ist keine saubere Grand Strategy im klassischen Sinn, aber es ist mehr als bloßes Herumirren.
Auch ein weitergehender Gedanke ist analytisch nicht absurd: Sollte das Regime in Teheran geschwächt oder abgelöst werden und sollte ein künftiger Iran tatsächlich wieder in größerem Maßstab Öl und Gas in den Weltmarkt bringen, könnte das den Preisdruck senken und damit auch Russlands Einnahmen untergraben. Reuters berichtet bereits, dass asiatische Raffinerien nach der amerikanischen Ausnahmeregelung prüfen, wieder iranisches Öl zu kaufen; zugleich sitzen nach Schätzungen derzeit 130 bis 170 Millionen Barrel iranisches Öl auf Tankern fest, die bei Lockerungen relativ schnell den Markt erreichen könnten. Daraus lässt sich die Inference ableiten, dass ein wirtschaftlich reintegrierter Iran Russlands energiepolitische Stellung schwächen könnte. Aber genau das ist bislang eine Möglichkeit, keine gesicherte Folge.
Denn mehrere Gegenargumente bleiben stark. Erstens profitiert Russland kurzfristig gerade von hohen Energiepreisen, die durch den Krieg und die Störungen rund um Hormus zusätzlich angeheizt werden. Reuters beschreibt massive Angriffe auf Öl- und Gasanlagen in der Region, Produktionsausfälle, beschädigte LNG-Infrastruktur und einen Energieschock, der Europa besonders hart trifft. Solange diese Eskalation anhält, ist das für Moskau ökonomisch eher Chance als Katastrophe.
Zweitens ist keineswegs ausgemacht, dass ein Machtwechsel in Iran automatisch einen klar prowestlichen Kurs hervorbringen würde. Im Gegenteil: Reuters berichtet, dass Wladimir Putin Teheran gerade jetzt erneut als „loyal friend and reliable partner“ bezeichnet hat. Das zeigt, wie eng Russland und Iran politisch weiterhin verbunden sind — auch wenn die Partnerschaft nicht völlig spannungsfrei ist. Wer also aus einem militärischen Schlag gegen Iran schon direkt den späteren Kollaps des russischen Regimes ableitet, geht deutlich über die belegbaren Fakten hinaus.
Und trotzdem trifft die eigentliche Pointe einen wunden Punkt Europas: Die Frage nach der Strategie sollte nicht nur an Trump gestellt werden, sondern ebenso an die Europäer. Europa kritisiert zu Recht Trumps Unberechenbarkeit; Reuters berichtet, dass mehrere NATO-Staaten eine Beteiligung an der Sicherung der Straße von Hormus nur für die Zeit nach einem Ende der Kampfhandlungen in Aussicht stellen, während Trump sie öffentlich als „cowards“ attackiert. Diese europäische Vorsicht ist nachvollziehbar. Aber sie ersetzt noch keine eigene strategische Linie.
Gerade beim russischen Angriffskrieg zeigt sich diese Leerstelle. Die EU treibt zwar ihren Ausstieg aus russischer Energie weiter voran; Reuters berichtet, dass der Anteil russischen Gases an Europas Versorgung von über 40 Prozent vor dem Krieg auf rund 13 Prozent bis 2025 gesunken ist und dass die Kommission weiter auf ein Ende russischer LNG-Importe bis Ende 2026 drängt. Gleichzeitig zeigt dieselbe Nachrichtenlage aber auch, wie verletzlich Europa bleibt: Wegen des Iran-Kriegs drängt die EU ihre Mitgliedstaaten nun sogar zu flexibleren Gasspeicherzielen, um den Preisschock abzufedern. Das heißt: Europa versucht, sich aus der russischen Abhängigkeit zu befreien, bleibt aber bei jedem neuen Krisenfeuer im Nahen Osten sofort unter Druck.
Darin liegt der eigentliche europäische Widerspruch. Man hält Trump vor, er denke zu erratisch und zu kurzfristig. Das ist oft richtig. Aber Europa selbst wirkt beim russischen Angriffskrieg ebenfalls nicht wie ein Kontinent mit durchgehaltener Langfriststrategie, sondern eher wie ein Bündnis, das zwischen Sanktionen, Hilfszusagen, Energieangst und Eskalationsfurcht pendelt. Die moralische Kritik an Trump ist deshalb nicht falsch — nur reicht sie nicht aus. Wer ständig fragt, ob Washington einen Plan hat, muss sich auch fragen lassen, ob Berlin, Paris, Brüssel und andere Hauptstädte selbst einen haben.
Am Ende bleibt deshalb ein doppeltes Urteil. Es gibt gute Gründe, Trumps Iran-Kurs für gefährlich, sprunghaft und hochriskant zu halten. Aber es ist zu einfach, ihn deshalb schlicht als planlos abzutun. Es ist durchaus ein strategischer Gedanke erkennbar: Druck auf Iran, Öffnung von Energieangebot, Schwächung russischer Einnahmequellen, Neuordnung regionaler Machtverhältnisse. Ob dieser Gedanke aufgeht, ist völlig offen. Doch ebenso offen ist die Gegenfrage an Europa: Welche eigene Strategie habt ihr eigentlich, um den russischen Angriffskrieg nicht nur zu verwalten, sondern zu beenden? Solange darauf keine überzeugende Antwort kommt, bleibt die europäische Kritik an Trump bequem – zu bequem.



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