
Was für Zeiten, was für Sitten!
Wenn wir heute, am 15. Januar 2026, auf die Weltkarte blicken, hallt ein Ruf aus der Antike mit erschreckender Aktualität zu uns herüber: O tempora, o mores! – Oh, was für Zeiten, was für Sitten! Was Cicero einst im römischen Senat gegen die Umsturzpläne Catilinas schleuderte, beschreibt heute präzise den Verfall der politischen Sitten und den Zusammenbruch jener Ordnung, die uns Jahrzehnte lang Sicherheit vorgaukelte. Wir stehen nicht bloß vor einer Krise, sondern vor einem Epochenbruch, in dem das Völkerrecht und die Wahrheit selbst zur Disposition stehen.
Dieser Sittenverfall beginnt nicht erst an den Grenzen, sondern in den Köpfen. In einer Zeit, in der Algorithmen und Meinungsbilder die Deutungshoheit über die Realität übernommen haben, erleben wir eine hybride Auseinandersetzung, die unsere Gesellschaften von innen heraus zersetzt. Es sind die neuen Sitten einer digitalen Kriegsführung, in der Russland durch Desinformation und gezielte Sabotage versucht, das Vertrauen in die Demokratie zu unterspülen. Wenn Krankenhäuser gehackt und Unterseekabel gekappt werden, ist das kein bloßer Vandalismus, sondern der Versuch, den Rechtsstaat als hilflos darzustellen. In diesem trüben Fahrwasser gedeihen jene politischen Kräfte, die Cicero wohl als die modernen Catilinarier bezeichnet hätte. In Deutschland nutzen Parteien wie die AfD, das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) und Teile der Linken die Verunsicherung schamlos aus. Unter dem Deckmantel einer vermeintlichen „Diplomatie“ verstärken sie Narrative, die direkt aus dem Kreml stammen könnten. Es ist ein vertracktes Bild: Während man von Frieden spricht, wird faktisch die Schwächung der europäischen Verteidigungsfähigkeit betrieben. Besonders tragisch erscheint dabei das Phänomen eines sogenannten „Lumpen-Pazifismus“. Hier verbinden sich ehrliche Ängste mit einer gefährlichen Naivität, die dem Aggressor den Weg ebnet. Ein Pazifismus, der die Entwaffnung des Opfers fordert, während der Täter seine Truppen vor Kyjiw massiert, ist kein Dienst am Frieden, sondern eine moralische Bankrotterklärung – eine Sitte, die den Tyrannen zur Belohnung einlädt.
Dass diese Erosion der Moral keine Grenzen kennt, zeigt sich in diesen Tagen nirgendwo deutlicher als im Iran. Während wir hier über politische Nuancen streiten, wird dort ein ganzes Volk im Dunkeln abgeschlachtet. O tempora, o mores! – Seit nunmehr sieben Tagen herrscht im Iran eine absolute digitale Finsternis. Das Regime hat das Internet und sämtliche Kommunikationswege gekappt, um ein Massaker ungesehen an der Weltöffentlichkeit vorbeizuführen. Berichte sprechen von Tausenden Toten, die allein in den letzten Tagen durch Sicherheitskräfte hingerichtet wurden. Diese gezielte Vernichtung der eigenen Jugend in einem Informationsvakuum ist die extremste Form jener neuen, grausamen Sitten, die wir 2026 weltweit beobachten. Teheran agiert dabei als strategisches Scharnier einer neuen Achse der Instabilität, indem es Russland weiterhin mit Waffen versorgt, während es zu Hause die eigene Bevölkerung niederknüppelt.
Doch der Verfall der Sitten macht auch vor dem einstigen Hort der Freiheit nicht halt, und hier zeigt sich eine besonders düstere Fratze des neuen Autoritarismus. In den USA vollzieht sich unter der Trump-Regierung ein Umbau der Sicherheitsbehörden, der Historiker unweigerlich an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte erinnert. Die Einwanderungsbehörde ICE agiert mittlerweile wie eine unkontrollierbare Geheimpolizei. Vermummte Beamte in Zivilkleidung, ohne erkennbare Dienstnummern oder Abzeichen, springen aus unmarkierten Fahrzeugen, um Menschen am hellichten Tag von der Straße „wegzuschnappen“. Diese Methoden der „Snatch-and-Grab“-Razzien erzeugen ein Klima der absoluten Angst. Erst vor einer Woche kam es in Minneapolis zu einer Tragödie, als ICE-Agenten eine unbewaffnete Mutter in ihrem Auto erschossen. Dass Staatsdiener maskiert und in anonymen Vans operieren, entzieht sie jeder rechtsstaatlichen Kontrolle und weckt Erinnerungen an die Willkür der Gestapo oder die Geheimoperationen der Stasi. Wenn der Staat sein Gesicht hinter Masken verbirgt und sich jeglicher Identifizierbarkeit entzieht, ist der Weg zur Tyrannei nicht mehr weit.
Dieser interne Sittenverfall korrespondiert mit einem rücksichtslosen Auftreten nach außen. Wenn ein amerikanischer Präsident damit droht, die NATO zu verlassen oder gar ein souveränes Gebiet wie Grönland zu annektieren, dann ist das der Todesstoß für das transatlantische Vertrauen. Ein Bündnis, in dem das Recht des Stärkeren über den gegenseitigen Beistand triumphiert, wird zum leeren Blatt Papier. Russland beobachtet diesen Wankelmut genau und bereitet sich darauf vor, das Vakuum zu füllen. Experten prognostizieren bereits für 2027, dass der Hunger Moskaus nach dem Baltikum oder Polen zunehmen wird, sobald der amerikanische Schutzschirm endgültig Risse bekommt. In der Ferne brennt es derweil an weiteren Orten: Die militärische Härte in Venezuela zeigt, dass die Weltordnung in unberechenbare Einflusssphären zerfällt. Wenn wir in den Spiegel der Geschichte blicken, erkennen wir die Fratze der 1930er Jahre wieder. Auch damals gab es den Niedergang internationaler Institutionen, den Aufstieg „starker Männer“ und revisionistische Mächte, die Grenzen gewaltsam verschieben wollten.
O tempora, o mores! – Wir leben in Zeiten, in denen das Undenkbare wieder denkbar wird. Doch Geschichte ist kein Schicksal, das uns passiv ereilt. In der christlichen Tradition besinnen wir uns in Zeiten der Not oft auf die Gnade Jesu, die uns Kraft und Hoffnung spendet, nicht zu verzagen. Doch politisch wird das Jahr 2026 von uns etwas anderes verlangen: Wachsamkeit und Resilienz. Wir müssen die Wahrheit gegen die Manipulation verteidigen und begreifen, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist, sondern eine Sitte, die jeden Tag neu erstritten werden muss. Die Weltordnung der Zukunft wird nicht mehr am grünen Tisch gewahrt, sondern durch die Standhaftigkeit jener, die sich weigern, vor der nackten Gewalt, der digitalen Dunkelheit und der organisierten Lüge in die Knie zu gehen.
Quellen:
- Human Rights Watch: US-Bericht über vermummte ICE-Agenten und Rechtsbruch (Dezember 2025/Januar 2026).
- ProPublica: Unfettered and Unaccountable – How Trump is Building a Shadowy Federal Police Force (Okt. 2025).
- Iran International / BBC Persian: Berichte über Massaker an bis zu 12.000 Menschen (Januar 2026).
- Netblocks: Monitoring des siebentägigen Internet-Totalausfalls im Iran.
- Handelsblatt: Trump beharrt auf Grönland – „Es wird sich etwas finden“ (Januar 2026).
- Newstime: Ukrainischer Geheimdienst warnt vor russischem Angriff auf EU 2027.
- Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP): Hybride Kriegführung und europäische Resilienz.



Kommentar verfassen