Wenn der größte Räuber Europas „Haltet den Dieb!“ schreit

Eine Lehrstunde in zynischer Realitätsverdrehung …

​Wladimir Putin hat wieder zur Audienz geladen. Es ist der 19. Dezember 2025, und im russischen Staatsfernsehen läuft die Sendung „Direkter Draht“. Was traditionell als Bürgersprechstunde inszeniert wird, entpuppte sich dieses Jahr erneut als Bühne für eine bizarre Verdrehung der Tatsachen. Während seine Armee im vierten Kriegswinter in der Ukraine steht, nutzte der Kreml-Chef die Gelegenheit, um sich als das eigentliche Opfer einer internationalen Verschwörung darzustellen.

​Der konkrete Anlass für seinen Zorn: Ein Beschluss der EU-Staaten zur weiteren Finanzierung der Ukraine. Obwohl die EU davor zurückschreckte, russisches Vermögen direkt zu beschlagnahmen, und sich stattdessen auf einen Kredit über 90 Milliarden Euro einigte, der aus EU-Haushalten und nicht aus russischen Töpfen bedient wird, schäumt Putin. Er bezeichnete die Pläne als versuchten „Raub“ und warnte, dass Gestohlenes irgendwann zurückgegeben werden müsse.

​Die Täter-Opfer-Umkehr als Staatsdoktrin

​Man muss sich diese Aussage auf der Zunge zergehen lassen, um die bodenlose Dreistigkeit dahinter zu begreifen. Hier spricht der Mann, der den massivsten Angriffskrieg in Europa seit 1945 befohlen hat. Ein Mann, dessen Entscheidungen Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht haben und der für die komplette Zerstörung ganzer Städte wie Mariupol oder Bachmut verantwortlich ist. Und dieser Mann wirft nun Brüssel vor, finanzielle Regeln zu verletzen.

​Das ist keine Politik mehr, das ist Realsatire in ihrer dunkelsten Form. Der Räuber, der seit fast vier Jahren versucht, sich ein ganzes Nachbarland einzuverleiben, beschwert sich über die „Rechtmäßigkeit“ von Maßnahmen gegen sein Kriegskonto. Putin ignoriert dabei völlig, dass die eingefrorenen 210 Milliarden Euro lediglich eine Reaktion auf seinen eigenen, völkerrechtswidrigen Raubzug sind. Er fordert Respekt für sein Eigentum, während er das Eigentum, die Freiheit und das Leben der Ukrainer täglich mit Artilleriefeuer vernichtet.

​Zynismus statt Diplomatie

​Noch deutlicher wird der Hohn, wenn man Putins Aussagen zu möglichen Friedensgesprächen betrachtet. Er dämpfte jegliche Hoffnung auf eine baldige Lösung. Seine Bedingungen für ein Ende der Gewalt sind dabei so weltfremd wie brutal: Die Ukraine soll sich aus Gebieten zurückziehen, die Russland zwar auf dem Papier annektiert hat, militärisch aber teilweise gar nicht kontrolliert.

​Putin verlangt also im Grunde die freiwillige Kapitulation Kyjiws und die Übergabe von noch freien Städten als Vorbedingung, um überhaupt mit dem Schießen aufzuhören. Dass die USA unter Donald Trump und einige EU-Länder derzeit an einem Waffenstillstandsangebot basteln, wischt er beiseite. Für ihn liegt der Ball beim „Kyjiwer Regime“. Das ist der klassische rhetorische Trick des Aggressors: Er schlägt das Opfer und fragt es dann vorwurfsvoll, warum es nicht aufhört, sich zu wehren.

​Ein Paralleluniversum an der Front

​Wie sehr sich der Kreml-Chef mittlerweile seine eigene Wahrheit zimmert, zeigte sich bei seinen Ausführungen zur militärischen Lage. Putin behauptete, die russischen Truppen seien überall auf dem Vormarsch und Städte wie Siwersk oder Wowtschansk seien bereits „erobert“. Internationale Beobachter und die Realität vor Ort sprechen eine andere Sprache: Diese Orte sind hart umkämpft, teils zerstört, aber nicht vollständig in russischer Hand.

​Besonders zynisch wurde es beim Thema Kupjansk. Während Putin behauptete, die Stadt kontrollieren zu lassen, und sich über ein Video von Wolodymyr Selenskyj lustig machte („Komm doch ins Haus herein“), war der ukrainische Präsident tatsächlich kurz zuvor in der Stadt gewesen. Dass Selenskyj sich in Frontnähe zeigt, während Putin seine Kriege vorwiegend aus sicheren Bunkern oder Fernsehstudios führt, überspielte der russische Präsident mit Spott über Selenskyjs frühere Schauspielkarriere. Er nennt ihn einen „talentierten Künstler“, um davon abzulenken, dass seine eigenen Erfolgsmeldungen oft reine Fiktion sind.

​Das Ende der Vernunft

​Wir erleben hier eine neue Stufe der Eskalation – nicht nur militärisch, sondern auch verbal. Putins Auftritt macht klar, dass er an keiner echten Verhandlungslösung interessiert ist, die nicht einer totalen Unterwerfung der Ukraine gleichkommt. Wenn derjenige, der das Haus anzündet, die Feuerwehr wegen Wasserverschwendung verklagen will, hat man die Ebene logischer Argumente verlassen.

​Die Vorwürfe des „Raubes“ an die Adresse der EU sind dabei mehr als nur Propaganda für das eigene Volk. Sie sind ein Mittelfinger an den Westen und an jeden Sinn für Gerechtigkeit. Solange Moskau seine blutigen Landgewinne als „Befreiung“ feiert und finanzielle Sanktionen als „Diebstahl“ verurteilt, bleibt jede Hoffnung auf Einsicht eine Illusion. Dreister geht es tatsächlich nicht mehr.

Quelle: DIE ZEIT, (Stand: 19. Dezember 2025)


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