Das Geheimnis unter dem Puderzucker

​Jeder kennt ihn, jeder hat eine Meinung dazu (meistens wegen der Rosinen), und er liegt spätestens ab September in den Regalen: der Weihnachtsstollen. Aber hast du dich mal gefragt, warum wir uns diesen schweren Brocken aus Teig und Fett jedes Jahr antun? Die Antwort ist ziemlich überraschend – denn ursprünglich war das Ding alles andere als lecker.

​Harter Stoff statt Genuss

​Wenn du heute in einen Christstollen beißt, schmeckst du Butter, Zucker, Marzipan und Trockenfrüchte. Im Mittelalter hättest du das Gebäck aber wahrscheinlich sofort wieder ausgespuckt.

​Die Geschichte beginnt im Jahr 1329 in Naumburg an der Saale. Damals war der Advent eine strenge Fastenzeit. Die Kirche erlaubte absolut keinen Luxus. Das hieß für den Stollen: Er bestand nur aus Wasser, Hafer und Mehl. Butter? Verboten. Stattdessen musste man Rüböl nehmen. Das schmeckte ranzig und war eigentlich eher was für Ölampen als für den Magen. Das ursprüngliche Gebäck war also ein ziemlich trockenes, geschmackloses „Brot“.

​Der „Butterbrief“: Ein päpstliches Upgrade

​Die Menschen in Sachsen hatten irgendwann keine Lust mehr auf den miesen Geschmack. Der Kurfürst Ernst von Sachsen und sein Bruder Albrecht wandten sich deshalb direkt an den Chef: den Papst in Rom.

​Sie baten darum, endlich Butter verwenden zu dürfen. Papst Innozenz VIII. hatte ein Einsehen (und brauchte Geld für den Bau des Freiburger Münsters). Er schickte 1491 den sogenannten Butterbrief. Gegen eine Zahlung durfte nun endlich Butter statt Öl verwendet werden. Das war der absolute Gamechanger für den Stollen. Aus dem kargen Fastenbrot wurde langsam die Kalorienbombe, die wir heute kennen.

​Warum das Ding so aussieht

​Jetzt wird es spannend, was den Namen und die Form angeht. Das Wort „Stollen“ kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet so viel wie Pfosten oder Stütze. Das klingt erstmal technisch und wenig weihnachtlich.

​Aber hier kommt der theologische Bezug: Die Form des Stollens ist kein Zufall. Er soll an das gewickelte Christkind erinnern.

  • ​Der längliche, wulstige Teigkörper symbolisiert den Körper des neugeborenen Jesu.
  • ​Die dicke Schicht aus Puderzucker steht für die weißen Windeln oder Tücher, in die das Jesuskind gewickelt war.

​Man isst an Weihnachten also symbolisch das Christkind in seiner Krippe. Deshalb heißt der Stollen in vielen Regionen bis heute auch Christstollen.

​Ein Stück Geschichte auf dem Teller

​Was als ziemlich ungenießbare Fastenspeise begann, ist durch ein bisschen Lobbyarbeit beim Papst und viel sächsische Backkunst zu einem weltweiten Hit geworden. Wenn du dir das nächste Mal ein Stück abschneidest, denk dran: Du isst gerade eine Erinnerung an das Christkind – und kannst froh sein, dass wir nicht mehr im Jahr 1329 leben und Rüböl essen müssen.


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