Der Häuser zum Tanzen brachte | Frank O Gehry

…und was bleibt, wenn die Musik verstummt

​Es gibt Menschen, die bauen Häuser, damit wir darin wohnen oder arbeiten können. Und dann gab es Frank Gehry. Er baute Häuser, damit wir stehen bleiben, den Kopf in den Nacken legen und staunen. Jetzt ist der Visionär, der dem Stahl die Schwere nahm, im Alter von 96 Jahren in Santa Monica gegangen. Er hinterlässt eine Welt, die dank ihm ein wenig weniger eckig und dafür umso aufregender ist.

​Ein Aufstand gegen die Langeweile

​Aus architektonischer Sicht war Gehry ein Rebell. Er hasste den rechten Winkel. Während andere Architekten brave, quadratische Kisten entwarfen, nahm Gehry ein Blatt Papier, zerknüllte es und sagte: „So soll es aussehen.“

​Seine Gebäude, wie das Guggenheim-Museum in Bilbao oder die Walt-Disney-Konzerthalle in Los Angeles, sind keine starren Hüllen. Sie sind Skulpturen. Er nutzte Materialien wie Titan und Edelstahl und formte sie so, dass sie aussahen wie wehende Segel oder blühende Blumen. Das war seine große Gabe: Er nahm harten, kalten Materialien ihre Strenge und verlieh ihnen eine fast schon organische Lebendigkeit. Wer vor einem Gehry-Bau steht, spürt Bewegung, obwohl sich nichts rührt. Er hat den sogenannten Dekonstruktivismus nicht nur geprägt, er hat ihn für uns alle fühlbar gemacht. Er zeigte uns, dass Chaos schön sein kann und dass Ordnung nicht immer geradeaus laufen muss.

​Die Macht der Steine – und die Verantwortung der Erbauer

​Frank Gehry verstand etwas, das viele in seiner Branche oft vergessen: Architektur ist niemals neutral. Ein Architekt trägt eine enorme gesellschaftliche Verantwortung. Ein schlechtes Buch klappt man zu, einen schlechten Film schaltet man ab – aber an einem Gebäude müssen wir jeden Tag vorbeilaufen.

Das „Tanzende Haus“ in Prag stammt von Frank Gehry und Vlado Milunić und wurde zwischen 1992 und 1996 erbaut.

​Gebäude stehen jahrzehntelang, oft jahrhundertelang herum. Sie prägen unsere Städte, unsere Stimmung und unser Miteinander. Sie können uns klein und unbedeutend fühlen lassen oder – wie bei Gehry – uns inspirieren und beflügeln. Seine Bauten sind Geschenke an die Öffentlichkeit. Sie laden ein, sie machen neugierig, sie brechen den grauen Alltag auf. Im besten Falle, und das hat Gehry bewiesen, kann ein einziges Gebäude eine ganze Stadt verändern und ihr neues Leben einhauchen. Er hat diese Verantwortung ernst genommen, indem er uns Orte schenkte, die nicht nur funktionieren, sondern die Seele berühren.

​Ein Hauch von Ewigkeit

​Wenn wir tiefer blicken, berührt Gehrys Werk auch eine spirituelle Ebene. In der Theologie gilt Gott oft als der erste und größte Baumeister. Der Mensch, geschaffen als dessen Abbild, ahmt diesen Schöpfungsakt nach, wenn er baut. Doch während wir oft versuchen, durch strenge Geometrie eine künstliche Perfektion zu erzwingen, war Gehry ehrlicher.

​Seine Architektur spiegelt das Leben und vielleicht auch das Göttliche viel besser wider: Es verläuft nie in geraden Linien. Das Leben ist voller Kurven, unerwarteter Wendungen, Ecken und Kanten – genau wie seine Entwürfe. Es liegt eine tiefe Demut darin, die Unvollkommenheit zur Kunstform zu erheben. Seine Gebäude streben oft himmelwärts, glänzen im Licht der Sonne und verbinden so das Irdische mit dem, was darüber liegt. Vielleicht ist Architektur am Ende genau das: Der Versuch des Menschen, etwas Bleibendes zu schaffen, das ihn selbst überdauert – ein Gebet aus Stein und Glas.

​Ein letzter Blick auf das geschwungene Erbe

​Frank Gehry ist nicht mehr da, aber seine „tanzenden Häuser“ bleiben. Sie werden noch Generationen von Menschen dazu bringen, kurz innezuhalten. Er hat uns gezeigt, dass man Regeln brechen muss, um etwas Großartiges zu schaffen, und dass unsere Umgebung direkten Einfluss darauf hat, wie wir uns fühlen. Der Sohn jüdischer Einwanderer, der einst als Lastwagenfahrer begann, hat seine Reise beendet. Aber wenn die Sonne auf die Titanplatten von Bilbao trifft, dann wissen wir: Sein Licht strahlt weiter.

Quelle:  ZEIT


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