Chinas Talfahrt

Rettet ein Kuschelkurs mit dem Westen die Wirtschaft?

Die Lage ist ernst. Wer nach China schaut, sieht schon lange nicht mehr das Wirtschaftswunder, das im Stundentakt neue Millionäre produziert. Die Stimmung im Land, so hört man, ist geprägt von Nostalgie und Resignation. Man sehnt sich nach der „schönen Boomzeit“ vor der Pandemie zurück. Die Gegenwart sieht düster aus: Die Inlandsnachfrage ist am Boden, die Menschen halten ihr Geld zusammen. Der Grund: Die gigantische Immobilienblase ist geplatzt, die Lokalregierungen sind bis über beide Ohren verschuldet, und das Vertrauen der Bürger und Unternehmer in den Staat ist massiv beschädigt. Die Regierung versucht mit Subventionen gegenzusteuern, doch das verpufft in einem „suizidalen“ Preiskampf, bei dem Waren fast verschenkt werden.

Das sind die hausgemachten Probleme. Doch China agiert nicht im Vakuum. Während die Führung in Peking verzweifelt versucht, die Binnennachfrage anzukurbeln, sorgt sie außenpolitisch für maximale Unruhe. Und hier kommt der Westen ins Spiel.

Die Geopolitik als Brandbeschleuniger

Chinas Wirtschaft ist, bei aller Betonung des Binnenmarktes, immer noch fundamental vom Export abhängig. Die wichtigsten Kunden sitzen in Europa und Nordamerika. Doch genau diese Kunden werden von Peking massiv verunsichert.

Das Misstrauen des Westens wird durch zwei zentrale Konfliktpunkte befeuert:

  1. Die Drohungen gegen Taiwan: Das ständige Säbelrasseln im Südchinesischen Meer und die aggressive Rhetorik einer „Wiedervereinigung“ – notfalls mit Gewalt – sind für den Westen ein Albtraum. Eine Invasion Taiwans würde die Weltwirtschaft über Nacht ins Chaos stürzen, viel heftiger als der Ukraine-Krieg.
  2. Die Unterstützung für Russland: Chinas Rückendeckung für Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine – wenn auch nicht offen militärisch, so doch wirtschaftlich und diplomatisch – wird in Brüssel und Washington als Beihilfe zu einem Völkerrechtsbruch gesehen.

Dieses Vorgehen Pekings hat im Westen zu einem Umdenken geführt. Die Begriffe heißen „De-Risking“ (Risikominderung) und „Decoupling“ (Entkopplung). Westliche Unternehmen, die jahrelang auf China als Werkbank der Welt gesetzt haben, werden nervös. Sie suchen händeringend nach Alternativen, verlagern Lieferketten nach Vietnam, Indien oder Mexiko.

Kurz gesagt: Während Chinas Binnenwirtschaft implodiert, sägt die eigene Außenpolitik aktiv an dem Ast, auf dem der Exportsektor sitzt. Die geopolitische Konfrontation verschärft die ökonomische Krise, weil sie Investitionen abschreckt und die Handelsbeziehungen vergiftet.

Das Gedankenexperiment: Was wäre, wenn …?

Stellen wir uns für einen Moment vor, China würde das Ruder herumreißen. Was, wenn Peking morgen glaubwürdig ankündigt:

  • Man verurteilt den russischen Angriffskrieg und stoppt die Unterstützung für Moskau.
  • Man garantiert den Status quo Taiwans und sucht den friedlichen Dialog.
  • Man strebt eine echte, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Westen an, statt auf Konfrontation zu setzen.

Die unmittelbaren Folgen wären enorm. Das „De-Risking“ würde gestoppt. Westliche Zölle könnten fallen. Das Vertrauen – die härteste Währung in der globalen Wirtschaft – käme langsam zurück. Die chinesische Exportwirtschaft bekäme dringend benötigten Sauerstoff.

Dieser außenpolitische Frieden könnte sogar nach innen wirken. Er könnte das Signal senden, dass die Führung pragmatisch handelt und Stabilität über Ideologie stellt. Das könnte helfen, das verlorene Vertrauen der eigenen Unternehmer und Bürger zurückzugewinnen. Statt gegeneinander für geopolitische Dominanz zu kämpfen, könnte man füreinander arbeiten, um globale Probleme wie den Klimawandel oder eben die Wirtschaftskrise zu lösen.

Mehr als Wunschdenken?

Doch (und das ist das große Aber) ein solcher Umbruch ist extrem unwahrscheinlich.

Der Grund liegt im Kern der Ideologie der Kommunistischen Partei unter Xi Jinping. Die nationale Souveränität und die „Wiedervereinigung“ mit Taiwan sind zu einem zentralen Pfeiler der Legitimation der Partei geworden. Ein Verzicht darauf käme einem massiven Gesichtsverlust gleich.

Auch die Partnerschaft mit Russland wird als strategisch notwendig erachtet, um ein Gegengewicht zur Dominanz der USA zu bilden. Die Führung in Peking scheint zu glauben, dass nationale Sicherheit und ideologische Kontrolle wichtiger sind als kurzfristiger wirtschaftlicher Pragmatismus. Man hat dies bereits im Inland gesehen, als die Regierung die eigene, erfolgreiche Tech-Industrie (wie Alibaba oder Tencent) im Namen der Kontrolle massiv reguliert hat.

Die chinesische Führung steckt in einem gefährlichen Spagat: Sie muss die heimische Wirtschaft retten, ohne ihre geopolitischen Ambitionen aufzugeben. Doch das eine untergräbt zunehmend das andere. Es bleibt also vorerst wohl beim Wunschdenken, dass ein Umdenken stattfindet.

Quelle der wirtschaftlichen Analyse: Franka Lu: „Wirtschaft in China: Die guten Zeiten sind vorbei“. Erschienen auf ZEIT ONLINE, 28. Oktober 2025.


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