Deutsche Bürokratie vs russische Drohnen

Über dreieinhalb Jahre. So lange tobt nun schon der brutale russische Angriffskrieg in der Ukraine. Dreieinhalb Jahre, in denen die Welt gelernt hat, wie moderne Kriegsführung aussieht. Mit Drohnen, mit Geschwindigkeit, mit Entschlossenheit. Und Deutschland? Deutschland hat in diesen dreieinhalb Jahren vor allem eines perfektioniert: seine bürokratische Selbstfesselung und eine lähmende Langsamkeit, die an eine Satire grenzt. Man fühlt sich unweigerlich an die Vogonen aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ erinnert: Bevor das Universum untergeht, müssen erst die Formulare in dreifacher Ausfertigung ausgefüllt werden.

Der Russe möge doch bitte warten, bis Deutschland seine Zuständigkeiten geklärt hat. Die Drohnen am Himmel sollen sich gefälligst gedulden, bis der richtige Stempel auf dem richtigen Formblatt landet. Das ist die absurde Realität der deutschen Sicherheitsarchitektur im Herbst 2025. Während über Kasernen, Häfen und kritischer Infrastruktur unidentifizierte Flugobjekte schwirren, suhlt sich die deutsche Politik in einem Sumpf aus Paragrafenreiterei.

Das Kernproblem ist ein Meisterwerk deutscher Verwaltungskunst: Die Bundeswehr, die theoretisch die Mittel und die Ausbildung zur Drohnenabwehr hätte, darf nicht. Ihr Mandat endet am Kasernenzaun. Die Landespolizei, die dürfte, kann es technisch nicht. Und die Bundespolizei, die an Bahnhöfen und Flughäfen zuständig wäre, ist ebenfalls nur ein zahnloser Tiger. Das Ergebnis ist ein sicherheitspolitischer Flickenteppich, ein organisiertes Nichtstun, bei dem jeder mit dem Finger auf den anderen zeigt, während die Bedrohung real ist. Wer sich dieses Zuständigkeits-Monstrum ausgedacht hat, hätte einen Preis für die effektivste Selbstsabotage verdient.

Und als wäre dieser Irrsinn nicht genug, streitet die Politik mit einer weltfremden Beharrlichkeit über die Lösung. Ein Vorschlag, der Bundeswehr endlich die nötigen Befugnisse zu geben, wird sofort zum ideologischen Grabenkampf. Ministerien blockieren sich gegenseitig, und Landesfürsten kochen ihr eigenes Süppchen, als ginge es um die nächste Gartenschau und nicht um die nationale Sicherheit. Es ist ein beschämendes Schauspiel der Verantwortungslosigkeit.

Gleichzeitig wurde die Beschaffung von moderner Abwehrtechnologie – von Störsendern über Abfangdrohnen bis zum Skyranger-System – jahrelang verschlafen. Man hat die Entwicklung der Drohnentechnologie in der Ukraine und Russland offenbar als eine Art exotisches Hobby abgetan, während man selbst noch von der Lufthoheit durch Kampfjets träumte. Eine fatale Fehleinschätzung, die uns jetzt auf die Füße fällt. Hektisch versucht man nun, aufzuholen, was in Jahren der Ignoranz versäumt wurde.

Man kann nur hoffen, dass die Realität nicht schneller ist als der deutsche Dienstweg. Denn eines ist sicher: Weder eine russische Hyperschallrakete noch eine feindliche Aufklärungsdrohne werden anklopfen und höflich fragen, ob der Antrag auf Abwehrmaßnahmen bereits genehmigt wurde. Sie kommen einfach. Und während Deutschland noch debattiert, wer den Abschussbefehl unterschreiben darf, ist es längst zu spät. Eile mit Weile – eine Redewendung, die im Angesicht eines Aggressors wie der reinste Hohn klingt.

Quelle: die Zeit vom 9.10.2025, Seite 1


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