Dietrich Bonhoeffer und der russische Angriffskrieg

Die Frage, wie sich Dietrich Bonhoeffer angesichts des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine verhalten hätte, ist vielschichtig. Seine Schriften, seine Biografie sowie seine aktive Rolle im Widerstand gegen das NS-Regime werfen ein Licht darauf, wie er Krieg, Frieden und Gerechtigkeit theologisch verstanden und gelebt hat. Trotz des historischen Abstands lassen sich einige grundsätzliche Einsichten ableiten, die auf die aktuelle Situation in der Ukraine übertragen werden können.


1. Bonhoeffers theologischer Grundimpuls: Frieden als aktive Verpflichtung

Bonhoeffer betonte, dass “Frieden nicht etwas ist, das man sich wünscht, sondern etwas, das man tut”. Dieser Gedanke spielt in der heutigen Situation eine zentrale Rolle. Frieden darf nicht nur als Abwesenheit von Krieg definiert werden, sondern muss durch konkrete Schritte und Taten verwirklicht werden. Im Kontext der Ukraine würde das beispielsweise bedeuten:

  • Solidarität mit den leidenden Menschen zeigen, sei es durch humanitäre Hilfe, politische Unterstützung oder Aufnahme von Geflüchteten.
  • Gebet und theologische Reflexion, die das Handeln der Kirchen und Gemeinschaften anleitet, um den Glauben als Kraftquelle für Friedensarbeit fruchtbar zu machen.
  • Konkretes Eintreten für die Bewahrung von Menschenleben, was in einer Kriegssituation sogar militärische Mittel einschließen kann, wenn alle diplomatischen Wege erschöpft sind.

2. Die politische Perspektive: Legitimer Widerstand und Verantwortung

Im Angesicht des nationalsozialistischen Terrors engagierte sich Bonhoeffer selbst im Widerstand, was letztlich zu seiner Hinrichtung führte. Dass ein evangelischer Theologe bereit war, in einem extremen Fall gegen die staatliche Autorität vorzugehen, ist ein Hinweis darauf, dass er ein differenziertes Verständnis von Gewalt und Verantwortung hatte. Übertragen auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine könnte das Folgendes bedeuten:

  • Verurteilung des Aggressors: Bonhoeffer wäre vermutlich einer der ersten gewesen, der die Aggression Russlands theologisch und moralisch klar als Ungerechtigkeit benannt hätte.
  • Unterstützung einer Verteidigung: Er hätte aller Wahrscheinlichkeit nach die Notwendigkeit betont, Unschuldige zu schützen und sich nicht passiv dem Unrecht zu beugen. Dabei hätte er das Prinzip der verantwortlichen Tat hervorgehoben, das heißt: Manchmal ist die Übernahme von Schuld unausweichlich, wenn man sich gegen ein größeres Unrecht stellt.

3. Militärische Aspekte: Der schwierige Weg zur gerechten Verteidigung

Bonhoeffer lehnte gewaltsame Konfliktlösungen zwar nicht per se ab, sah jedoch die große Gefahr, dass Gewalt weitere Gewalt erzeugt. Dennoch war er bereit, sich am Widerstand gegen Hitler zu beteiligen, weil das Hitler-Regime eine unübersehbare Bedrohung für das Leben unzähliger Menschen war. In der Ukraine-Frage hätten sich für ihn wichtige Leitlinien ergeben:

  • Abwägung zwischen passivem Erdulden von Gewalt und aktivem Widerstand.
  • Versuch, alle nicht-militärischen Mittel (Diplomatie, Sanktionen, Verhandlungen) auszuschöpfen, bevor man zum letzten Mittel der Waffen greift.
  • Bewusstsein, dass militärische Gegenwehr immer auch ethische Dilemmata mit sich bringt. Daher bedarf jede Entscheidung zur Verteidigung einer fundierten theologischen und ethischen Begründung.

4. Die Rolle der Kirche und der Zivilgesellschaft

Kirchen in Deutschland und weltweit hätten nach Bonhoeffers Auffassung eine prophetische Stimme einzunehmen. Das bedeutet:

  • Klarer Protest gegen Ungerechtigkeit und Krieg: Schweigen vor dem Unrecht sah Bonhoeffer als Mitschuld.
  • Begleitung der politischen und militärischen Entscheidungsträger durch ethische Beratung und Gebet.
  • Unterstützung der leidenden Zivilbevölkerung, vor allem durch Nächstenliebe und Barmherzigkeit.

Zivilgesellschaftliche Organisationen sollten sich nach Bonhoeffers Vorbild fragen, wie sie konkret einstehen können für Frieden und Versöhnung. Denn nur wenn Menschen konsequent daran arbeiten, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, wird echter Frieden möglich.


5. Ergebnis

Dietrich Bonhoeffer hätte im Angesicht des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ohne Zweifel für eine klare Positionierung plädiert. Er hätte die Invasion als Unrecht gebrandmarkt und sich gleichzeitig um Friedenslösungen bemüht, die sowohl diplomatisch als auch humanitär getragen sind. Wenn jedoch alle friedlichen Mittel versagen, hätte er die Verteidigung der Ukraine als Akt der Nächstenliebe akzeptiert, um Menschenleben zu schützen und Freiheit zu erhalten.

Die heutige Christenheit wie auch die gesamte Weltgemeinschaft steht daher vor der Herausforderung, Bonhoeffers Erbe nicht nur theologisch zu diskutieren, sondern es in konkretes Handeln umzusetzen: Für die Opfer einstehen, den Aggressor benennen und gleichzeitig den Blick auf Versöhnung und Friedensperspektiven nicht verlieren.


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