
Die ungezähmte Kraft der weiblichen Wut
Über Jahrhunderte hinweg galt weibliche Wut als gefährlich – eine Bedrohung für die Ordnung der Gesellschaft. Frauen, die sich gegen Ungerechtigkeit auflehnten, wurden als hysterisch, widerspenstig oder sogar dämonisch dargestellt. Während der Hexenverfolgung kostete es viele von ihnen das Leben. Doch auch heute begegnen Frauen gesellschaftlichen Sanktionen, wenn sie wütend werden. Die Geschichte von Sidonia von Borcke, die 1620 als Hexe verbrannt wurde, zeigt, wie weiblicher Widerstand kriminalisiert wurde – und wie viel davon in der modernen Gesellschaft nachhallt.
Warum weibliche Wut unterdrückt wird
Psychologisch betrachtet ist Wut eine natürliche Reaktion auf Frustration oder Ungerechtigkeit. Doch während sie bei Männern als Zeichen von Durchsetzungsvermögen akzeptiert wird, wird sie Frauen oft abgesprochen oder negativ bewertet. Psychologen beobachten, dass viele Frauen ihre Wut in Traurigkeit oder Schuldgefühle umwandeln, da ihnen früh beigebracht wird, dass Zorn unweiblich sei.
Schon in der frühen Kindheit wird Mädchen vermittelt, dass sie lieb und angepasst sein sollten. Aggressives Verhalten wird sanktioniert, während Jungen für Durchsetzungsvermögen gelobt werden. Dies führt dazu, dass viele Frauen lernen, ihre Wut zu unterdrücken oder gegen sich selbst zu richten, etwa durch Selbstzweifel oder Perfektionismus.
Die historische Kriminalisierung wütender Frauen
Sidonia von Borcke ist ein Beispiel dafür, wie unbequeme Frauen zum Schweigen gebracht wurden. Sie war gebildet, klug und kämpfte um ihr Recht – doch genau das machte sie für ihre Zeitgenossen gefährlich. In ihrer Prozessakte wird sie als streitsüchtig, anmaßend und unweiblich beschrieben. Ihre Wut war ein Zeichen von Stärke, wurde aber als Hexerei umgedeutet.
Die Hexenprozesse waren dabei nicht nur Ausdruck eines religiösen Aberglaubens, sondern auch ein Machtinstrument gegen Frauen, die sich nicht unterordneten. Besonders oft traf es ältere, unverheiratete oder selbstbewusste Frauen, die ohne männlichen Schutz lebten.
Von Hexenjagden zu moderner Abwertung
Heute wird keine Frau mehr auf dem Scheiterhaufen verbrannt, aber das soziale Stigma bleibt. Frauen, die sich auflehnen, werden als Zicke, Emanze oder Drama-Queen abgewertet. Besonders in der Arbeitswelt müssen Frauen vorsichtig sein: Zeigen sie zu viel Emotion, gelten sie als irrational; bleiben sie ruhig, werden sie als kalt und unnahbar wahrgenommen.
Dieses Phänomen zeigt sich auch in der Politik: Mächtige Männer dürfen lautstark poltern – doch wenn Frauen dasselbe tun, gelten sie als unangenehm oder unkontrolliert. So wurde etwa Hillary Clinton oft als „eiskalt“ bezeichnet, während Angela Merkel für ihre Sachlichkeit kritisiert wurde.
Warum wir mehr weibliche Wut brauchen
Wut ist eine wichtige Emotion, die auf Ungerechtigkeit hinweist und Veränderung antreiben kann. Doch damit Frauen ihre Wut produktiv nutzen können, muss sich die gesellschaftliche Wahrnehmung ändern. Statt Frauen zu ermahnen, sanfter und diplomatischer zu sein, sollten sie ermutigt werden, ihre Stimme zu erheben.
Siri Hustvedt, eine bekannte Neurowissenschaftlerin und Autorin, sagt dazu:
„Öffentliche Wut war reserviert für Männer an der Macht. Das ist bis heute eine Konstante geblieben. Wir müssen die Wut unter den Geschlechtern gerechter verteilen.“
Die Wut nicht länger verbergen
Sidonia von Borcke kämpfte gegen ein ungerechtes System – und verlor ihr Leben. Doch ihre Geschichte ist nicht einzigartig. Noch heute werden Frauen, die sich für ihre Rechte einsetzen, kritisiert, ausgegrenzt oder verspottet. Um das zu ändern, braucht es eine neue Wertschätzung weiblicher Wut – nicht als Bedrohung, sondern als Motor für Fortschritt und Gleichberechtigung.
Quellen:
- Schiemenz, Juliane: Hexerei: Meine Urahnin wurde als Hexe verbrannt. Was hat das mit mir zu tun? – ZEITmagazin, Ausgabe 11/2025
- Hustvedt, Siri: Mütter, Väter und Täter – 2021
- Dillinger, Johannes: Hexenverfolgung in der Frühen Neuzeit – 2007



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