
Die ethische Dimension einer Umbenennung
Die Debatte um die Umbenennung des Otfried-Preußler-Gymnasiums wirft grundsätzliche Fragen zu Erinnerungskultur, moralischer Verantwortung und historischer Aufarbeitung auf.
Ist es gerechtfertigt, einen Schulnamen zu ändern, weil der Namensgeber eine problematische Vergangenheit hat? Oder handelt es sich um eine Übersensibilisierung, die am eigentlichen Lebenswerk vorbeigeht?
Das Gymnasium in Pullach hat sich nach langer interner Diskussion entschlossen, den Namen abzulegen. Ausschlaggebend war die fehlende Identifikation der Schulgemeinschaft mit Preußler, insbesondere aufgrund seiner NS-Vergangenheit, die er zu Lebzeiten nicht öffentlich aufgearbeitet hat. Gleichzeitig entzieht seine Familie der Schule das Recht, seinen Namen zu tragen, weil sie die Diskussion für unwürdig hält.
Hier stellt sich die ethische Frage: Wie viel moralische Verantwortung trägt eine Person für die eigene Vergangenheit, besonders wenn sie als Jugendlicher unter einem Unrechtsregime aufgewachsen ist? Und ist eine Schule ein angemessener Ort, um problematische historische Namen weiterzutragen oder sollte sie ein „unbelastetes“ Vorbild präsentieren?
Ein Fall von „Cancel Culture“?
Einige Kritiker der Umbenennung befürchten eine Generalisierung oder gar eine Form von Cancel Culture, in der verdiente Künstler und Schriftsteller nachträglich aus dem öffentlichen Gedächtnis gelöscht werden. Preußler war zwar in seiner Jugend in der Hitlerjugend aktiv und schrieb einen HJ-Roman, doch später setzte er sich mit den Mechanismen von Macht und Verführung intensiv auseinander – insbesondere in Krabat, einem Werk, das als dunkle Parabel über Manipulation und totalitäre Systeme gelesen werden kann.
Ist es also gerechtfertigt, Preußler als fragwürdigen Namensgeber einzustufen, obwohl seine Werke eine klare Distanzierung von totalitären Regimen zeigen?
Gegner der Umbenennung argumentieren, dass niemand eine makellose Biografie hat. Würde man Preußler „streichen“, müsste man konsequenterweise auch andere große Namen der deutschen Literatur hinterfragen: Goethe, Schiller oder Martin Luther – allesamt Persönlichkeiten mit fragwürdigen Ansichten oder Verstrickungen in problematische Kontexte.
Dürfen wir seine Bücher noch lesen?
Die Trennung zwischen Werk und Person ist eine zentrale ethische Frage. Wenn Preußler als Namensgeber ungeeignet ist, wäre es dann folgerichtig, auch seine Kinderbücher aus Schulen und Bibliotheken zu verbannen?
Hier zeigt sich eine entscheidende Differenzierung:
- Ein Schulname ist ein offizielles Ehrensymbol, das die Werte einer Bildungseinrichtung repräsentieren soll.
- Literatur hingegen steht für sich selbst – sie ist ein künstlerisches Werk, das analysiert, diskutiert und auch kritisch gelesen werden kann.
Ein Autor muss nicht persönlich „unantastbar“ sein, um relevante Werke zu schaffen. Im Gegenteil: Gerade in der kritischen Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und seinen Werken liegt ein pädagogischer Wert.
Welche weiteren Autoren müsste man dann ebenso behandeln?
Würde man Preußler aus öffentlichen Einrichtungen entfernen, müsste eine konsequente Anwendung dieser Maßstäbe auch andere Schriftsteller betreffen.
- Karl May (teils rassistische Darstellungen)
- Erich Kästner (beobachtete die NS-Zeit, griff aber nicht aktiv ein)
- Martin Heidegger (NS-Sympathisant)
- Johann Wolfgang von Goethe (problematische Frauenbilder)
- Immanuel Kant (fragwürdige Rassentheorien)
Diese Liste ließe sich fortsetzen. Doch führt eine solche Betrachtung zur Gefahr einer pauschalen historischen Bereinigung. Stattdessen sollte man differenzieren, aufarbeiten und die Werke in den historischen Kontext setzen.
Ein ethischer Balanceakt
Die Umbenennung des Otfried-Preußler-Gymnasiums ist ethisch vertretbar, weil eine Schule aktiv entscheidet, mit wem sie sich identifizieren will. Eine solche Entscheidung bedeutet jedoch nicht, dass Preußlers Werke an sich verwerflich sind.
Vielmehr zeigt dieser Fall, wie schwierig der Umgang mit historischen Personen ist. Statt einfach zu „löschen“, sollte die Gesellschaft lernen, differenziert zu urteilen, statt vorschnell zu verurteilen. Kritische Erinnerungskultur bedeutet nicht nur, problematische Aspekte offenzulegen, sondern auch den pädagogischen Wert eines Werkes anzuerkennen.
Nachsatz: Historische Autoren und ihre problematischen Aspekte
In der Debatte um Otfried Preußler wurde argumentiert, dass man konsequenterweise auch andere bekannte Autoren hinterfragen müsste. Doch was genau haben diese Schriftsteller aus heutiger Sicht falsch gemacht? Eine genauere Betrachtung zeigt, dass ihre problematischen Äußerungen oder Verhaltensweisen nicht immer mit ihrem Gesamtwerk gleichgesetzt werden können. Dennoch sind sie aus ethischer Sicht diskussionswürdig.
Karl May (1842–1912) – Rassistische Stereotype in seinen Werken
Karl May schrieb viele Abenteuerromane, die bis heute beliebt sind. Doch seine Darstellung indigener Völker, insbesondere der nordamerikanischen Ureinwohner, ist aus heutiger Sicht romantisierend und stereotypisierend. Während Figuren wie Winnetou zwar positive Helden sind, werden sie dennoch als „edle Wilde“ beschrieben – eine eurozentristische Sichtweise, die indigene Kulturen als „primitiv, aber tugendhaft“ darstellt. Zudem nutzte May kulturelle Aneignung, indem er als Deutscher aus seiner Fantasie heraus eine vermeintlich authentische Indianerwelt erschuf, die mit der Realität wenig zu tun hatte.
Erich Kästner (1899–1974) – Anpassung an das NS-Regime
Erich Kästner war ein kritischer Autor, dessen Bücher 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt wurden. Dennoch blieb er in Deutschland und veröffentlichte unter Pseudonym. Kritiker werfen ihm vor, dass er sich zu wenig gegen das NS-Regime stellte, obwohl er dessen Gefahren erkannte. Während viele andere Schriftsteller ins Exil gingen, entschied er sich, im „inneren Exil“ zu bleiben – eine Entscheidung, die aus moralischer Sicht ambivalent ist.
Martin Heidegger (1889–1976) – NSDAP-Mitglied und Nähe zum Nationalsozialismus
Der Philosoph Martin Heidegger war überzeugtes NSDAP-Mitglied und zeigte sich in den 1930er Jahren als Anhänger der nationalsozialistischen Ideologie. Zwar distanzierte er sich später, doch nie in einer Weise, die als echte Aufarbeitung gelten könnte. Seine Schriften enthalten antisemitische und elitäre Denkweisen, die bis heute kritisiert werden. Besonders problematisch ist, dass seine Existenzphilosophie für totalitäre Ideen instrumentalisiert werden konnte.
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) – Sexismus und problematische Geschlechterbilder
Goethe wird als einer der größten deutschen Dichter verehrt, doch in seinen Werken finden sich problematische Frauenbilder. Besonders in „Die Leiden des jungen Werthers“ wird ein idealisiertes Frauenbild dargestellt, das weibliche Figuren auf ihre Rolle als unerreichbares Ideal oder als passive Opfer reduziert. Zudem zeigen Werke wie „Faust“, insbesondere in der Figur der Gretchen, ein fragwürdiges Geschlechterverhältnis: Die junge Frau wird von Faust verführt und schließlich in den Untergang getrieben, während der Mann ungestraft weiterlebt.
Immanuel Kant (1724–1804) – Rassentheorien und eurozentrische Philosophie
Obwohl Kant als Begründer der Aufklärung gilt, formulierte er in einigen Schriften rassistische Theorien, in denen er Menschen aus Europa als „überlegen“ darstellte. Besonders problematisch ist sein Einfluss auf spätere koloniale Ideologien. Sein Konzept des „mündigen Menschen“ wurde oft in einer Weise interpretiert, die nicht-europäische Kulturen als „unaufgeklärt“ und „rückständig“ einordnete. Während seine moralphilosophischen Ideen universell sind, bleibt sein Menschenbild nicht frei von Diskriminierung.
Otfried Preußler (1923–2013) – Jugendliche Verstrickung in den Nationalsozialismus
Preußler war als Jugendlicher Mitglied der Hitlerjugend und schrieb mit 17 Jahren einen Roman mit NS-konformen Inhalten („Erntelager Geyer“). Er sprach später nicht öffentlich darüber, sondern verarbeitete die Thematik indirekt in seinen Werken. Anders als Heidegger oder Kant hat Preußler jedoch keine rassistischen oder menschenverachtenden Ideen vertreten – seine problematische Vergangenheit liegt vor allem in seiner fehlenden öffentlichen Aufarbeitung.
Trennung von Werk und Person?
Alle genannten Autoren haben in ihrer Zeit Werke geschaffen, die bis heute große Bedeutung haben. Gleichzeitig zeigen sie problematische Aspekte, die nicht ignoriert werden dürfen. Die Herausforderung besteht darin, ihre Werke kritisch zu lesen, ihre Fehltritte zu benennen, aber gleichzeitig ihre künstlerische oder philosophische Leistung anzuerkennen. Eine pauschale „Cancel Culture“ würde der Geschichte nicht gerecht werden – eine differenzierte Auseinandersetzung hingegen schon.



Kommentar verfassen