
Es ist ein Epochenbruch, ein Moment von welthistorischer Tragweite: Der Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad markiert nicht nur das Ende einer der brutalsten Diktaturen des 21. Jahrhunderts, sondern zugleich den größten geopolitischen Rückschlag für Russlands Machthaber Wladimir Putin in dieser Epoche. Jahrzehntelang hatte Moskau in Damaskus einen verlässlichen Verbündeten, dessen Regime mit russischer Militärmacht am Leben gehalten wurde. Der Kollaps Assads und seine Flucht nach Moskau sind für den Kreml ein Desaster, dessen Ausmaß noch gar nicht voll erfasst ist. Während im Kreml fieberhaft Schadensbegrenzung betrieben wird, ist nun endlich der Westen am Zug – falls er die offene Tür zu einer neuen Ordnung im Nahen Osten und zu einer sichereren Zukunft Europas überhaupt sehen will.
Es ist kaum zu überschätzen, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Der Sieg der syrischen Opposition ist eine scharfe Niederlage für Putins Versuch, die Weltordnung nach seinem Gusto zurechtzurücken und autoritäre Herrschaftsmodelle dauerhaft zu zementieren. Mit der Intervention in Syrien ab 2015 hatte er mehr als nur einen Diktator gestützt: Er wollte globale Handlungsfähigkeit demonstrieren, den Westen düpieren und die Nachwehen seiner gescheiterten sowjetischen Vergangenheit auslöschen. Syrien war seine Bühne, um sich als Garant der Stabilität, als Beschützer von Autokraten weltweit zu inszenieren. Doch diese Kulisse ist mit einem lauten Krach zusammengebrochen.
Schon jetzt ist klar: Putin kann zwei große Kriege nicht gleichzeitig führen. Sein völkerrechtswidriger Angriff auf die Ukraine bindet enorme Kräfte. Die syrische Front, an die er sich gebunden hat, ist implodiert. Nun steht Russlands Staatschef vor dem Problem, sich mit den neuen Machthabern in Damaskus arrangieren zu müssen. Wer gestern von russischer Seite noch als Terrorist gebrandmarkt wurde, ist heute potentieller Verhandlungspartner. Diese abrupte Rhetorik- und Interessenumkehr enthüllt das wahre Gesicht dieser Machpolitik: Prinzipienlos, opportunistisch und von blanker Angst vor weiterem Machtverlust getrieben. Der Fall Assad zeigt, wie fragil solche Bündnisse sind. Eine Diktatur kann binnen weniger Tage oder gar Stunden zerfallen – eine Lektion, die auch in Moskau nicht unbemerkt bleiben dürfte.
Doch die Frage ist: Wie reagiert jetzt der Westen? Zu lange haben europäische Politiker gezögert, sich vor allem um die Frage von Rückführungen, Islamistenfurcht oder vermeintlichem Chaos gekümmert, anstatt die historischen Chancen zu begreifen, die mit dem Machtwechsel in Syrien verbunden sind. Die Zeitfenster für strategisches Handeln sind selten groß – jetzt liegt es an Europa, dieser Region neuen Halt zu geben, bevor Putin sich erneut mit Ränkespielen und Waffenlieferungen einmischt und die neue Ordnung im Nahen Osten vergiftet.
Die Freiheitsbewegung in Syrien, so heterogen sie sein mag, hat eine epochale Wende herbeigeführt. Anstatt die alten Vorurteile und Ängste vor „Unberechenbarkeit“ zu wiederholen, sollten europäische Regierungen sich nun aktiv einbringen. Das bedeutet diplomatische Angebote, Gespräche mit den neuen Kräften in Damaskus und konkrete Hilfspakete, um einen halbwegs stabilen Wiederaufbau anzugehen. Syrien ist ein Nachbar Europas – die Folgen jahrzehntelanger Diktatur, Flucht und militärischer Zerstörung haben wir in Form von Migrationsbewegungen und extremistischen Auswüchsen längst zu spüren bekommen. Nun kann Europa dabei helfen, die Region vom Boden neu aufzurichten, um damit langfristig Sicherheit und Stabilität für sich selbst zu gewinnen.
Das Wichtigste ist dabei der Mut zum Handeln. Donald Trumps isolationistische Rhetorik, dass die Geschehnisse in Syrien „uns nichts angehen“, hat sich als zynische Fehleinschätzung erwiesen. Auch das reflexhafte Abschotten und Zögern vieler Europäer ist fehl am Platz. Wer das Momentum jetzt nicht nutzt, überlässt einmal mehr das Feld jenen Kräften, die vor allem den eigenen Machterhalt im Sinn haben – seien es Putins Truppen, iranische Milizen oder andere unheilvolle Akteure.
Der Sturz Assads ist ein Signal, dass selbst vermeintlich unerschütterliche Regime fallen können. Es ist eine schallende Ohrfeige für Putins Versuch, ein globales Netzwerk autoritärer Herrscher zu festigen. Wenn der Westen jetzt nicht die Hand ausstreckt, um Syrien beim Überwinden seiner autoritären Vergangenheit zu helfen, wird er eine historische Gelegenheit verspielen. Die Uhr tickt. Es ist die Stunde des Westens – doch nur, wenn er sie zu nutzen weiß.
Quelle und mehr Infos ZEIT ONLINE



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