Krisenkirche. Rückkehr der Gläubigkeit ?

Von Martin Helfrich. Bruder Paulus kennt sich aus an der Börse. Der Kapuzinermönch hat früher das Liebfrauen-Kloster in Frankfurt am Main geleitet, die Pforte ist nur 400 Meter von der wichtigsten deutschen Wertpapierbörse entfernt. Dort wird mit Millionen gepokert. Jeden Tag gibt es hier Gewinner und Verlierer, manche verzocken ihr Vermögen beim riskanten Spiel mit den Aktien.

Wenn der Kurs fällt, kann das ganze Existenzen mit sich reißen – Geld weg, Job weg, Lebenssinn weg? Viele sind mit ihren Sorgen zu Bruder Paulus gekommen. „Die Menschen möchten von mir unterstützt werden auf der Suche nach Fundamenten, die keine Krise zum Wackeln bringen kann“, erklärt mir der 50-jährige, dem Glücksspiel oder Aktienhandel als Mönch natürlich verboten sind.

Unkritisch oder naiv ist er deswegen nicht: Er will helfen, will die Kirche als Ort der Geborgenheit zur Verfügung stellen für Menschen, die verzweifelt sind. Das ist nicht immer ein einfacher Job: „Wer sich bis jetzt für unbesiegbar hielt, tut sich sehr schwer, um Hilfe zu bitten.“ Gefallene Manager gibt es genug. Bis gestern noch mit der Dienstlimo durch das Land gefahren, heute arbeitslos? Das ist für keinen leicht. Doch an diese Leute kommt Bruder Paulus mit seiner Botschaft heran: Als Coach trainiert er heute Führungskräfte, schreibt Bücher, hält Grußworte und predigt. Eine lange Zeit hatte Bruder Paulus eine Kolumne in der „Bild“, und regelmäßig ist er in Fernsehsendungen zu sehen.

Als ich seine Homepage aufrufe, begrüßt er mich aus einem Videoclip heraus und wünscht einen „gesegneten Donnerstagnachmittag“. Er stellt Podcasts zum Download bereits, und twittert theologische Kurznachrichten. Ein unkonventioneller Priester? Ja, zweifellos. „Ob bei twitter oder facebook, auf der Kanzel oder dem Bildschirm: Glaubwürdigkeit ist gefragt für die Freiheitswerte, die von der Kirche im Namen Gottes lebendig erhalten werden durch begeistere Mitglieder. Unsere Mitmenschen freuen sich, auf Leute wie mich zu treffen, die sich viel Sinnvollerem festmachen als an Geldsummen, Emotionen oder Einschaltquoten“, erzählt er überzeugt. Er nennt sich selbst einen „bewegten Beweger“, und von seinem Enthusiamus kann man sich glatt mitreißen lassen.

Trotzdem: Als ich ihn nach der Wirtschaftskrise frage, sagt er: „Die Krise ist noch nicht angekommen in der breiten Masse.“ Mir bleibt das im Kopf. Gerade in schlechten Zeiten ist die Kirche Anlaufstelle für viele Menschen. Wenn es uns schlecht geht, suchen wir offenbar nach Halt. Können wir also mit einer Renaissance der Gläubigkeit rechnen? Werden die Menschen demnächst wieder alle in die Kirchen strömen? Wohl kaum.

Ich suche nach lebendigen Beispielen, wo Kirche konkret Anlaufstelle ist für Menschen, und mache mich auf den Weg in die Hamburger HafenCity. Hier entsteht auf einem Teil ehemaligen Hafengeländes ein ganz neuer Stadtteil – mit Museen und Restaurants, einer Konzerthalle und eigener U-Bahn-Linie, mit Büros, Shops, einer Universität und Wohnungen. Bisher ist hier noch alles im Entstehen. Schon von weitem sieht man Dutzende Kräne, und ich komme an etlichen großen Baustellen vorbei. Im Oktober 2009 wohnen schon etwa 1.500 Menschen in der HafenCity, rund 4.000 arbeiten hier. Wenn der Stadtteil erstmal fertig gebaut ist, sollen es weit mehr als 14.000 Menschen sein, die hier täglich ein und aus gehen.

Und mitten in diesem Mega-Baustelle, Sinnbild für das hektische Großstadtleben, steht ein kleiner Pavillion, nicht größer als ein Container duckt er sich hinter eine große Unternehmenszentrale. Es ist die erste Kapelle der HafenCity. Hier bin ich mit Dr. Martin Heider verabredet. Er ist Teilzeit-Lehrer und betreut zusammen mit seiner Frau das kleine ökomenische Projekt. 18 Kirchen haben sich darin zusammengetan, um nicht ganz unterzugehen in der neuen Welt, die sich hier auftut.

„Neue Wege“, müsse man gehen, um Menschen weiterhin zu erreichen, sagt Heider. „Das versuchen wir hier.“ Man sitzt auf Klappstühlen, insgesamt wirkt der Raum spartanisch. Draußen röhren die LKWs zu den Baustellen, drinnen herrscht angenehme Stille. Pünktlich um 13 Uhr läutet Heider zu Mittagsandacht. Eine Viertelstunde lang trägt er Impulse aus der Bibel vor und gibt seinen Zuhörern aufmunternde Gedanken mit: „Gott ist bei uns. Wir können den Tag unbeschwert fortsetzen“, sagt er zum Schluss und erteilt einen Segen. Auch er erzählt mir von Menschen, die kommen, um Halt zu suchen. Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, persönliche Probleme, Stress und der Wunsch nach einer kurzen „Auszeit“ in der Mittagspause bringen die Menschen hierher. Die „Brücke“, so heißt das Projekt, gibt es erst seit Ende 2008 – da wurde beschlossen, „gezielt ein Profil zu entwickeln, das den neuen, spannenden Stadtteil anspricht“. Bis 2011 soll ein eigenes Haus an der Shanghaiallee gebaut werden – unten Kapelle und Seminarräume, oben Wohnräume. Offensichtlich gibt es genug Zuspruch.

Als ich gehe, komme ich an Cem vorbei, der unter einem Aussichtstum Kaffee verkauft. Er hat ein paar Wasserkanister bereitgestellt: „Die haben noch kein fließendes Wasser da drüben“, sagt er und grinst. Die ökumenische Gemeinschaft in der HafenCity, und auch Bruder Paulus – sie treiben Kirche innovativ und mit viel Begeisterung zu den Menschen. Oder andersherum. Auf jeden Fall haben sie noch viel vor sich – nicht nur, was die Wasserversorgung angeht.

von Martin Helfrich, Gastautor bei theoLounge.

Der Autor schreibt regelmäßig im Blog unter http://greensocial.net über Umwelt- und Sozialpolitik und die „Gesellschaft von morgen“. Er ist selbst auch in seiner Kirchengemeinde aktiv.

Foto: Wolfgang Wildner, flickr.com



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