In Minuten wie diesen

helicopter-essjaynz-is-gonna-visit-uk23:15 Uhr. Ein Anruf. Ein Mensch ist gestorben. Zum Glück. Zum Pech. Beides zusammen. Wir haben Besuch. Sie, er, beide. Ein Herzchirurg. Wir kennen ihn gut, sie auch. Rufbereitschaft. 19 Uhr. Wir empfangen die beiden. Schöner Abend, er ist ein wenig müde. Mittags aus der Klinik gekommen, 3 Stunden geschlafen, nun bei uns. Dann der Anruf. Klar, erster Mai, schönes Wetter, vielleicht ein Motorradfahrer. Tot. Ein Leben zerstört. Ein Herz für ein anderes Leben. Für sie. Sie ist 24. Hatte eine Grippe verschleppt. Hatte es nicht gemerkt, nicht für wichtig genommen. Herzmuskelentzündung. Seit einem Jahr lebt sie mit einem Kunstherz. Es hat begonnen, sich zu entzünden. Helfen kann nur eine Transplantation. Vor einer Woche war sie im OP – OP wieder abgesagt, das Spenderherz hielt den Tests nicht stand. 

Nun in diesen Minuten sitzt er im Hubschrauber nach Bonn. Heute Nacht dann Not-OP. Herzzentrum München. 

Irgeneiner in Bonn. Gestorben vor ein paar Stunden. Ein Motorradfahrer vielleicht. Oder einer, der einen Organspendeausweis hatte – und nun im künstlichen Koma liegt. Hirntod vielleicht. Vielleicht gestern gestorben. Eine der beiden Varianten ist möglich, von einem der beiden stammt das Herz. Das Herz, das nun in ein paar Minuten extrahiert wird. Dann im Hubschrauber nach München zurück fliegt. 

Und er – er wird erst morgen früh um 10 aus dem OP herauskommen. Voraussichtlich. Vielleicht wird sie dann eine Chance haben. Vielleicht geht alles gut. Aber das Kunstherz wird sehr verwachsen sein mit dem Gewebe. Eine lange Nacht heute. Eine schwierige  Nacht. 

In diesen Minuten wird sie auf die OP vorbereitet. In den OP geschoben. Intubiert. Narkotisiert. Sofern das Herz kommt. Mit dem Hubschrauber. 

Gestern war ich mit ein paar Schulklassen im KZ in Dachau bei München. Wie viele Menschen wurden dort im Wahn ermorden. Grausam, ohne Gnade. 11000 waren es, die im ersten Krematorium verbrannt wurden. Als es den Anstrum von Menschen nicht mehr fassen konnte, wurde ein zweites errichtet. Wahnsinn der Nazis. 

Und hier kommt nun ein neues Herz. Heute. In diesen Minuten. Ein Mensch kämpft um sein Leben. Ein Chirurgenteam. Eine Hubschrauberbesatzung. Sie kämpfen um ein Leben als das kostbarste Gut auf dieser Welt. Ein Leben, das vor knapp 70 Jahren im KZ keinen Pfifferling wert gewesen wäre. 

Gut, dass sie kämpfen. Es wird eine lange Nacht. Möge Gott bei ihnen sein. Bei ihr, die sie 24 ist. Bei ihm, bei seinem Team. Möge ein Leben eine neue Geburt erhalten: mit einem neuen Herzen. Und möge der, der sein Leben gab, in der Unendlichkeit ruhen. Ruhen bei Gott. Amen.

 

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Bild: EssjayNZ is gonna visit UK!,flickr.com



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Kommentare

Ein Kommentar zu „In Minuten wie diesen“

  1. puh, dramatisch! das mit den herzen…

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