Ist meine Oma „ne alte Umweltsau?“ Oder geht es um etwas anderes?

Zwischen den Jahren, also zwischen Weihnachten und Silvester, hat sich in Deutschland ein neuer Aufreger gefunden. Es geht um folgendes.

Die vom WDR-Kinderchor als Umweltsatire gesungene Parodie auf das Lied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ hatte eine Welle der Empörung ausgelöst. In dem Video sangen rund dreißig Mädchen unter anderem die Zeilen: „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.“

Quelle FAZ

Die Mädchen, die in diesem Chor gesungen haben, seien im Vorfeld darüber informiert worden, dass es sich bei der Satire, welche der Liedtext beinhaltet, um eine pointierte Zuspitzung handelt, um auf einen Sachverhalt hinzuweisen. Die Teilnahme an dem Chor sei freiwillig gewesen.

Nun regen sich in Deutschland einige auf, ob Satire denn derart überspitzen dürfe. Nun ja, man müsste antworten, dass Satire ja eigentlich von der Überspitzung lebt, denn sonst ist es ja keine Satire mehr, sondern eine sachliche Analyse.

Sind denn nun aber in diesem kurzen Liedtext tatsächlich alle Omas gemeint, sind also alle Omas „Umweltsäue“ ? Wird hier tatsächlich gegen die Gruppe der Omas polemisiert?

Vermutlich nicht, denn es geht ja um eine rein fiktive Oma, die in ihrem Hühnerstall Motorrad fährt. Hier könnten sich alle Omas in Deutschland einmal überlegen, wann und ob sie das letzte Mal in ihrem Hühnerstall Motorrad gefahren sind. Und falls ja, dann könnten sie natürlich überlegen, ob sie sich denn überhaupt durch eine solche Satire diffamiert fühlen. Falls nein, könnten sie sich einfach auch dem nächsten Thema zuwenden.

Denn mit „Umweltsau“ ist nicht gemeint, dass ein Mensch irgendwie eine Sau, also ein weibliches Schwein, wäre, sondern es ist gemeint, dass jemand sich in Bezug auf die Umwelt rücksichtslos verhält.

Würde also tatsächlich eine Oma in ihrem Hühnerstall pausenlos Motorrad fahren, könnte man dies als relativ sinnfrei ansehen. Ohne den Sinn aber, von A nach B kommen zu wollen, würden also wahllos Benzin und CO2 und weitere klimaschädliche Gase in die Umwelt emittiert. Das könnte man durchaus als umweltschädlich bezeichnen, und jemand, der sich in dieser Weise rücksichtslos gegenüber der Natur verhält, wird eben landläufig als „Umweltsau“ bezeichnet.

Viel interessanter bei dieser ganzen Aufregung und diesem vermeintlichen Sturm im Wasserglas wäre, einmal zu hinterfragen, wem diese Aufregung nutzt. Von was soll diese Aufregung denn ablenken? Soll sie vielleicht die Glaubwürdigkeit und Seriosität des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ankratzen? Ist das vielleicht der Hintergrund? Und wer hätte ein Interesse daran? Sind einige von denen, die diese Empörung gerade anheizen, vielleicht bezahlte Trolle oder Bots, agieren manche vielleicht sogar aus dem Ausland und versuchen auf diese Weise, die Glaubwürdigkeit in die Berichterstattung der deutschen Qualitätsmedien zu unterminieren?

Das sind wohl die Fragen, die man sich stellen müsste. Denn wenn Satire nicht mehr pointiert und überspitzt Sachverhalte darstellen darf, würde das bedeuten, dass viele Menschen an politischen Themen nicht mehr den Anteil nehmen, den sie bisher daran nehmen. Die Folge könnte eine zunehmende Politikverdrossenheit auf der einen Seite sein, einhergehend mit einer stärkeren Wahrnehmung populistischer Thesen auf der anderen Seite.

Ganz unabhängig von dieser ganzen Thematik wäre es für die meisten Enkelinnen und Enkel natürlich ziemlich cool, eine Oma zu haben, die Motorrad fährt. Im Hühnerstall. Umwelt hin oder her. Mal Hand aufs Herz, wer hätte nicht gern so eine Oma?

4.1.2020 Nachtrag: Shitstorm von rechts: So entstand die Empörungswelle zum „Umweltsau“-Video


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