Die russische „Kultur“

Im Bann des Imperiums

Als Bundeskanzler Friedrich Merz am 1. Oktober 2026 in Münster die Laudatio auf die Nato hielt, die mit dem Westfälischen Friedenspreis geehrt wurde, fand er deutliche Worte: Russland führe keinen gewöhnlichen Grenzkonflikt, sondern betreibe eine „revisionistische, imperiale Expansion“. Wenn Moskau nicht Einhalt geboten werde, drohe das Baltikum zum Schlachtfeld zu werden – und Raketen könnten nicht mehr nur auf Kyjiw und Charkiw niedergehen, sondern auch andere europäische Metropolen treffen. Merz betonte dabei, man wolle das russische Volk nicht demütigen. Doch die Realität wirft eine unbequeme Frage auf: Ist dieser Expansionsdrang wirklich nur das Werk einzelner Herrscher im Kreml, oder wurzelt er tief im kulturellen Selbstverständnis des Landes?

Wer Kultur als Summe überlieferter Erzählungen, Denkmuster und Werte begreift, erkennt schnell: Der russische Imperialismus ist kein Betriebsunfall, sondern ein tragender Pfeiler der nationalen Identität.

Größe als Ersatz für Freiheit

Während sich das Selbstverständnis vieler europäischer Demokratien über Bürgerrechte, die Begrenzung von Herrschaft und gesellschaftliche Verträge entwickelte, verlief der russische Weg entgegengesetzt. Den Untertanen wurden persönliche Freiheiten verwehrt; als Ausgleich bot ihnen die Führung die Teilhabe an imperialer Ehrfurcht.

Das russische Wort Derschawa meint weit mehr als bloß einen Staat – es steht für eine gewaltige Großmacht, die von ihren Nachbarn gefürchtet werden muss, um sich selbst zu genügen. Macht bemisst sich in diesem Denken traditionell nicht daran, wie frei und wohlhabend die Bürger leben, sondern wie viel Territorium unterworfen wird. Wer Gebiete abtritt, gilt in der nationalen Geschichtsschreibung als schwach; wer fremde Völker eingliedert, wird als Reichseiniger verehrt.

Hochkultur im Dienst der Unterjochung

Lange Zeit neigte der Westen dazu, die russische Hochkultur losgelöst von der Politik zu verklären. Doch die Literatur war über Jahrhunderte hinweg eine treibende Kraft des imperialen Projekts.

Selbst Nationaldichter wie Alexander Puschkin verteidigten militärische Gewalt gegen Aufständische mit glühendem Eifer. Als Polen 1831 für seine Unabhängigkeit kämpfte, drohte Puschkin in seinem Gedicht Den Verleumdern Russlands dem gesamten Westen mit dem Zorn des Zarenheeres – mit Worten, die der heutigen Propaganda frappierend ähneln. Bis in die Moderne hinein zieht sich diese Haltung: Der Dissident und Literaturnobelpreisträger Iossif Brodski, der vor den Sowjets in die USA floh, reagierte nach 1991 mit beißendem Hohn auf die Unabhängigkeit der Ukraine.

Die Vorstellung, dass Nachbarvölker wie Ukrainer, Belarussen oder die Völker des Kaukasus keine eigenständige Geschichte und Kultur besitzen, sondern bloß abtrünnige „kleine Brüder“ seien, hat Putin nicht erfunden. Sie ist seit Generationen in russischen Schulbüchern, Liedern und Romanen verankert.

Der Mythos von der heiligen Mission

Eng verknüpft mit dem Herrschaftsanspruch ist ein jahrhundertealter religiöser Messianismus. Seit dem Fall Konstantinopels verstand sich Moskau als „Drittes Rom“ – als letzte Bastion des wahren Glaubens gegen eine angeblich verfallene westliche Welt.

Daraus erwuchs ein fatales Verhaltensmuster: Man tritt als Angreifer auf, fühlt sich aber stets als belagertes Opfer. Wenn russische Truppen Nachbarländer überfallen, wird das im kollektiven Gedächtnis fast automatisch als präventive Verteidigung umgedeutet. Diese Verklärung sorgt dafür, dass selbst verarmte Schichten der Bevölkerung imperiale Kriege mittragen, weil sie darin keinen Raubzug sehen, sondern den Kampf für eine gerechte Weltordnung.

Die verweigerte Abrechnung mit der Geschichte

Dass diese Überzeugungen bis heute ungebrochen fortleben, liegt an einer ausgebliebenen Dekolonisierung. Während andere Großmächte nach 1945 – oft unter Schmerzen und äußerem Zwang – lernen mussten, dass Reiche zerfallen und Nachbarstaaten souverän sind, wurde der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 in Moskau nie als Befreiung der unterdrückten Völker verstanden.

Es gab keine gesellschaftliche Aufarbeitung der Gulags, der Zwangsumsiedlungen oder der imperialen Unterdrückung. Die Mehrheit der Elite empfand den Verlust der Vasallenstaaten schlicht als ungerechte Demütigung.

Wenn der Bundeskanzler davor warnt, dass Russland nur Stärke respektiere, trifft er genau diesen Nerv. Eine dauerhafte Friedensordnung wird erst dann greifbar, wenn in Russland eine kulturelle Wende einsetzt: die Einsicht, dass die Größe einer Nation nicht von der Zahl ihrer Kolonien und eroberten Grenzländer abhängt. Solange das Beherrschen anderer Völker als nationaler Stolz gilt, bleibt der russische Imperialismus eine ständige Gefahr für Europa.

Quelle: DIE ZEIT (1. Oktober 2026)


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