
Selbstbestimmung ist ein Schlüsselbegriff fast aller (bio)ethischen Debatten. Das Lebensrecht – von Abtreibung bis Sterbehilfe – und – spätestens seit dem BVerfG-Beschluss vom 25. Februar 2020 – sogar die Menschenwürde stehen unter dem Vorbehalt der Selbstbestimmung. Der Mensch soll selbst darüber entscheiden, wie er leben und sterben möchte. Hört sich gut an, hat aber einen Haken.
Denn die Selbstbestimmung des Menschen ist keine absolute und auch kei-ne, die sich in der Subjektivität des Menschen erschöpft. Sie hat vielmehr moralische und soziale Voraussetzungen. Sie ist relational zu verstehen, denn kein Mensch lebt nur für sich allein. Jeder Mensch ist ein ens sociale – und bleibt es bis zuletzt. Der Mensch verliert auch im Sterben nicht die Beziehung zu Dritten. Damit ist immer auch Verantwortung verbunden. Es ist eine Illusion zu meinen, der Suizid beträfe nur den Suizidalen selbst. Jede Handlung hat Konsequenzen für Dritte – auch der Suizid oder die Beihilfe dazu.
Es gibt einen sehenswerten Film, der diesen Zusammenhang auf anrührende Weise verdeutlicht: „Ist das Leben nicht schön?“ (im Original: It’s a Wonderful Life), eine US-Produktion aus dem Jahr 1946 unter der Regie von Frank Capra, basierend auf der Kurzgeschichte „The Greatest Gift“ (zu deutsch: „Das größte Geschenk“) von Philip Van Doren Stern. Dieser bekannte Weihnachtsfilm (die Schlüsselszene spielt an Heilig Abend und es geht u.a. um einen Engel, der endlich aufsteigen will – und dafür Flügel braucht) stellt anhand des Protagonisten exemplarisch den Menschen als ens sociale vor.
George Bailey (gespielt von James Stewart) ist ein guter Mensch. Ausgerechnet am Heiligabend verliert er seinen Lebensmut. Ein Fehler mit großer Tragweite lässt ihn am Sinn des Lebens zweifeln. Er beschließt, von einer nahegelegenen Brücke ins Wasser zu springen, um sich zu töten. Plötzlich fällt ein älterer Herr ins Wasser, in Bailey triumphiert für den Augenblick der gute Mensch, der für Andere da ist, und er rettet den Mann, der Bailey damit am Suizid hindert. Der Gerettete stellt sich ihm als sein Schutzengel vor. Bailey glaubt ihm zunächst nicht, sieht in ihm aber einen willkommenen Gesprächspartner, dem er sein Leid klagen kann. Als er sein Leben auf die Formel bringt, alle ins Unglück zu stürzen und es daher wohl besser gewesen wäre, nie geboren worden zu sein, zeigt ihm der Engel, wie sich alles entwickelt hätte – ohne ihn, ohne George Bailey.
Bailey bekommt die Möglichkeit, den Lauf der Welt ohne ihn zu betrachten und muss feststellen, dass er in vielen Kontexten fehlt, dass er an schier allen Ecken und Enden gebraucht wird, dass zahlreiche Menschen ihn und seine Hilfe schmerzlich vermissen, dass Projekte ohne ihn scheitern, ja, dass die ganze Stadt ohne ihn eine andere, eine schlechtere wäre. Er erfährt so seine Bedeutung für Andere und erkennt den Wert seines Lebens. Das ruft in ihm die Verantwortung wach und er beschließt, seinem Leben doch kein Ende zu setzen. Der Status Quo ist wieder hergestellt, die Anderen sind nun für ihn da und helfen ihm aus seiner misslichen Lage – und der Engel erhält seine sehnlichst erwünschten Flügel.
Jenseits der wirklich anrührenden Geschichte wird deutlich, wie mannigfaltig all jene menschlichen Beziehungen sind, die bei einem Suizid zugleich mitbeendet werden. Bailey entdeckt, dass das Leben schön ist – weil er es nicht alleine lebt, weil andere ihn brauchen, weil er ihnen etwas bedeutet. Wenn es einen Film gibt, den wirklich jeder Mensch mindestens einmal gesehen haben sollte, dann wohl diesen: „Ist das Leben nicht schön?“
Gerade zu Weihnachten sollten wir uns der Menschenwürde als unbedingtes Leitkonzept alller (bio)ethischen Fragen bewusst werden, denn die Identifikation Gottes mit dem Menschen in Jesus Christus untersteicht auf wunderbare Weise die Größe der Würde, die der Schöpfer seinem Abbild einstiftete. Es ist eine „unendliche Würde“ – so der Titel eines Vatikan-Papiers aus dem Jahr 2024 („Dignitas infinita“) –, die den Menschen auf ewig heraushebt aus der Schöpfung und deren Achtung immer geboten ist. Denn wer die Würde eines Menschen verletzt, der schädigt die ganze Menschheit, wer seine eigene Würde verletzt, trifft damit auch alle anderen. Der Menschen ist ens sociale – am Lebensanfang und am Lebensende.
Josef Bordat



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