Generell – Der unsichtbare Airbag für jede Meinung

Es gibt Helden des Alltags, die ohne Umhang auskommen. Sie sind leise, unscheinbar und doch von unschätzbarem Wert. Einer dieser stillen Retter in der Not ist ein kleines, unscheinbares Wort, das in keiner Diskussion fehlen darf, in der man zwar eine Meinung, aber keine Ahnung hat: das Wort „generell“.

„Generell“ ist nicht einfach nur ein Adverb. Es ist eine verbale Nebelkerze, ein rhetorischer Weichzeichner und der unsichtbare Airbag für jede Behauptung, die bei einem leichten Aufprall mit der Realität in tausend Stücke zerspringen würde. Stellen Sie sich eine hitzige Debatte im Freundeskreis vor. Es geht um Politik, um Kindererziehung oder die einzig richtige Art, eine Carbonara zuzubereiten. Die Fakten werden knapp, die Argumente dünn. Das ist der Moment, in dem das „Generell“ seinen großen Auftritt hat.

Statt zu sagen: „Ich habe gehört, dass…“, was die eigene Unsicherheit verraten würde, wirft man ein souveränes „Generell ist es doch so, dass…“ in den Raum. Was dann folgt, ist meist eine persönliche Ansicht, die durch diesen kleinen Trick den Anstrich einer universellen, unumstößlichen Wahrheit erhält. Wer könnte dem widersprechen? Niemand. Denn „generell“ impliziert bereits, dass es Ausnahmen gibt. Man ist also gegen jeden Gegenbeweis immunisiert. Bringt jemand ein konkretes Beispiel, das die eigene These widerlegt, kann man mit einem wissenden Lächeln kontern: „Ja, das ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Ich sprach ja nur von der generellen Tendenz.“ Schachmatt.

Das Wort ist ein Meister der sozialen Diplomatie. Es entschärft jede potenziell kontroverse Aussage. „Generell finde ich Tattoos nicht so schön“ ist unendlich viel sanfter als ein hartes „Tattoos sind hässlich“. Man kritisiert nicht die tätowierte Person gegenüber, sondern nur ein abstraktes, generelles Konzept von Tattoos. Man hat Haltung gezeigt, ohne jemanden zu verletzen. Genial.

Die wahre Meisterschaft im Umgang mit „generell“ zeigt sich jedoch in seiner Fähigkeit, komplette Wissenslücken zu überbrücken. Warum sind die Zinsen gestiegen? „Generell ist die Wirtschaftslage gerade schwierig.“ Warum funktioniert der Drucker nicht? „Generell hat die Technik so ihre Tücken.“ Man hat nichts Konkretes gesagt, aber man hat etwas gesagt. Man hat am Gespräch teilgenommen, Kompetenz signalisiert und sich elegant aus der Affäre gezogen.

In einer Welt, die immer komplexer wird und uns ständig mit Details und Fakten überfordert, ist „generell“ unser Fels in der Brandung. Es ist das warme, wohlige Gefühl, im Großen und Ganzen richtigzuliegen, ohne sich mit dem anstrengenden Kleingedruckten des Lebens beschäftigen zu müssen.

Also, nutzen wir es. Ehren wir es. Denn generell ist es doch so: Wer sich auf das Allgemeine beschränkt, kann im Speziellen nicht scheitern. Und das, so lässt sich generell behaupten, ist doch eine ziemlich gute Sache.


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