
Na, da schau her! Unser alter Bekannter Wladimir Putin schaltet mal wieder in den Verhandlungsmodus. Das ist ja fast schon so ein Ritual wie der erste Glühwein im November – man weiß genau, was kommt, aber irgendwie schaut man doch wieder hin. Während er also mit der einen Hand den Ölzweig schwenkt, lässt er die andere Hand ganz locker über dem Knopf für die nächste Raketensalve auf die Ukraine schweben. Man muss ja flexibel bleiben.
Und wer springt mit Anlauf auf diese durchsichtige Charme-Offensive an? Natürlich, Donald Trump. Man kann es sich bildlich vorstellen: Die beiden treffen sich, Putin klopft ihm anerkennend auf die Schulter, murmelt etwas von „starken Führern“ und „großartigem Respekt“, und schon ist es um den Donald geschehen. Da kann er noch so sehr mit Zöllen gegen Indien fuchteln – ein Land, das praktischerweise russisches Öl kauft. Kaum deutet Putin an, er könnte ja vielleicht, eventuell, unter Umständen mal über eine kleine Pause beim Bombardieren von Zivilisten nachdenken, schon sieht sich Trump als der große Friedensstifter. Der Friedensnobelpreis, den ihm sein Kumpel Netanjahu ja schon quasi versprochen hat, rückt in greifbare Nähe. Zumindest in Trumps Vorstellung.
Es ist doch ein herrliches Schauspiel. Putin braucht dringend Geld, weil seine Kriegskasse langsam so leer ist wie die Versprechen, die er macht. Sein Haushaltsloch wird immer größer, und er muss irgendwie verhindern, dass Indien als einer seiner wichtigsten Ölkunden wegen Trumps angedrohter Strafzölle von satten 50 Prozent abspringt. Was macht man da also? Genau, man simuliert ein bisschen guten Willen. Man bietet eine Art „Bombardierungspause light“ an, vielleicht weniger Drohnen auf Kyjiw, während die Bodentruppen im Osten und Süden munter weiter ukrainisches Land erobern. Das ist doch ein Deal!
Für Putin wäre ein Treffen mit Trump ein riesiger Prestigegewinn. Er kann sich als gleichwertiger Partner inszenieren und gewinnt wertvolle Zeit. Und Trump? Der bekommt seine Schlagzeilen als „Dealmaker“, kann von seinen innenpolitischen Problemen ablenken und seinen Anhängern erzählen, er allein habe den Frieden gebracht. Dass dieser „Frieden“ auf einem Fundament aus Lügen und der Vorbereitung für die nächste Aggressionswelle gebaut ist, geschenkt! Es ist ein durchschaubarer Pseudo-Ausweg, den Putin ihm da anbietet, und es sieht ganz danach aus, als würde Trump mit Anlauf hineinschlittern.
Am Ende wird Putin bekommen, was er will: Zeit, Geld und die Schwächung der westlichen Allianz. Und Trump wird sich feiern lassen, während in der Ukraine die Menschen weiter um ihre Existenz kämpfen. Aber hey, Hauptsache, es gab ein „great talk“, wie er es sicher nennen würde. Ein wirklich großartiges Gespräch. Man kann den Zynismus kaum noch von der Realität unterscheiden.
Quelle: DIE ZEIT, „Putins glitschiger Ausweg für Trump“ von Michael Thumann, 8. August 2025.



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