Russlands willige Helfer: wie man eine Diktatur stützt

Wie man ein Nordkorea mit Birkenbäumen baut

Es ist eine beinahe sportliche Disziplin geworden, die Absurditäten zu verfolgen, die aus dem Kreml und der russischen Staatsduma quellen. Gesetze werden nicht mehr gemacht, sie werden offenbar ausgewürfelt. Ein Verbot hier, eine Strafandrohung da, und wer nach „extremistischen“ Inhalten sucht – und sei es nur aus Neugier, was heute wieder auf dem Index landete – macht sich schon verdächtig. Doch ein System, das so paranoid und allumfassend ist, stützt sich nicht allein auf die breiten Schultern eines Präsidenten oder die fleißigen Hände seiner Bürokraten. Nein, die Wahrheit ist viel unbequemer: Es braucht ein Volk, oder zumindest einen lauten, willigen Teil davon, der die Drecksarbeit an der Basis erledigt. Ein Regime braucht Helfer, die ihre Nachbarn, Kollegen und den unliebsamen Verwandten beim Kaffeekränzchen mit einer Selbstverständlichkeit denunzieren, als würden sie nur das Wetter kommentieren.

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Denn jede Diktatur, ob im Anfangs- oder Endstadium, lebt von einem ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag. Die Regierung liefert die Ideologie, die Paranoia und die Paragrafen. Die Bürger liefern die soziale Kontrolle. Es sind die Iwan Iwanowitschs und die Maria Petrownas, die im Haus-Chat darauf hinweisen, dass bei den Nachbarn im dritten Stock verdächtig oft das Licht brennt und man dort bestimmt über verbotene VPN-Tunnel auf „Feindsender“ zugreift. Es ist der patriotische Blogger, der es als seine heilige Pflicht ansieht, jeden zu melden, der die Qualität russischer Waren kritisiert oder – Gott bewahre – ein Foto von einem Rapsfeld vor blauem Himmel postet. Diese Menschen sind keine reinen Monster. Viele von ihnen sind überzeugte Patrioten, die aufrichtig glauben, ihr Land vor dem Zerfall und feindlicher westlicher Dekadenz zu schützen. Andere sind schlicht Opportunisten, die sich durch Loyalität Vorteile erhoffen. Und wieder andere handeln aus Angst – denn wer am lautesten schreit, ist am wenigsten verdächtig. Sie sind das Immunsystem des Regimes, das jeden Fremdkörper, jede abweichende Meinung, jeden Funken Individualität angreift und abstößt.

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Man fragt sich unweigerlich: Ist das also das neue Nordkorea? Ein Land, das sich hermetisch abriegelt und in dem der Staat bis ins Kinderzimmer hineinregiert? Der Vergleich ist verlockend und in seiner Zuspitzung nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. Russland ist (noch) kein Nordkorea. Es gibt noch Schlupflöcher, Reste einer globalisierten Welt, und die Abriegelung ist eher ein löchriger Schweizer Käse als eine massive Betonmauer. Aber die Richtung stimmt. Die Methode ist dieselbe: die Schaffung eines äußeren Feindes, die Gleichschaltung der Medien, die Kriminalisierung von allem, was nicht der staatlichen Linie entspricht, und die Förderung einer Kultur des Misstrauens. Russland baut gewissermaßen an einer Light-Version: Nordkorea mit besserem Internet, Öl-Einnahmen und einer nostalgischen Sehnsucht nach imperialer Größe. Die Unterdrückung wird nicht nur von oben nach unten durchgesetzt, sie wächst auch von unten nach oben. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt. Ein System, in dem viele kleine Rädchen ineinandergreifen, um die große Maschine der Knechtschaft am Laufen zu halten. Solange es genug Bürger gibt, die bereit sind, für ein bisschen gefühlte Sicherheit und Ordnung die Freiheit ihrer Mitmenschen zu opfern, wird diese Maschine weiterlaufen. Sie frisst sich von innen durch die Gesellschaft, bis am Ende vielleicht wirklich nichts mehr übrig ist, das man noch verbieten könnte.

Quelle: Basierend auf dem Artikel „Wladimir Putin: Bald gibt es nichts mehr zu verbieten“ von Irina Rastorgueva, erschienen in DIE ZEIT am 1. August 2025, und einer darauf aufbauenden Analyse.


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