Wer kauft noch bei Elon Musk?

Die Ukraine meldet anhaltende Störungen und Signalabrisse beim militärischen Satellitensystem Starshield von SpaceX. Entgegen der Behauptung von US-Präsident Donald Trump, die Drosselung sei beendet und Elon Musk habe das System wieder vollständig aktiviert, liegt dem Verteidigungsministerium in Kyjiv dafür keine Bestätigung vor. Das System bleibt an der Front fehleranfällig, was die militärische Kommunikation und den Drohneneinsatz der ukrainischen Streitkräfte seit Tagen massiv beeinträchtigt.

Der Aus-Knopf für die Freiheit

Wer geglaubt hat, das Internet sei ein herrschaftsfreier Raum und Technologie mache uns automatisch freier, erlebt gerade ein böses Erwachen. An der ukrainischen Front fallen Drohnen vom Himmel und Funkgeräte verstummen, weil Starshield gedrosselt wird. Tausende Kilometer entfernt feilscht ein US-Präsident um Benzinpreise für seine Midterm-Wahlen, während der reichste Mann der Welt entscheidet, wer sich verteidigen darf und wer sterben muss. Das ist kein technisches Versehen. Es ist die Geburt eines digitalen Feudalismus, in dem Staaten zu Bittstellern von Tech-Konzernen verkommen.

Wenn Menschenleben zu Wahlkampf-Münzen werden

Die Realität ist brutal: Donald Trump will vor den Kongresswahlen die Wählerlaune mit billigem Treibstoff retten. Dafür macht er Deals mit Moskau, toleriert russische Diesel-Exporte und verlangt von Kyjiv das Stillhalten bei Angriffen auf russische Raffinerien. Als Kyjiv darauf pocht, sich gegen den Terror auf das eigene Stromnetz zu wehren, dreht Elon Musk die Bandbreite ab.

Hier wird Kriegführung privatisiert. Ein einziger Unternehmer verfügt über eine Hebelwirkung, die früher nur Supermächten vorbehalten war. Er schaltet Infrastruktur an oder aus, je nachdem, welche politische Stimmung ihm auf seiner eigenen Plattform X gerade Beifall bringt. Aus ethischer Sicht ist das die absolute Instrumentalisierung des Menschen: Das Überleben einer ganzen Nation wird dem Treibstoffpreis an US-Zapfsäulen und dem Ego eines Milliardärs untergeordnet.

Der Gott-Komplex und unsere Ohnmacht

Psychologisch betrachtet offenbart dieser Vorgang die gefährliche Dynamik unbegrenzter Macht. Wer Raketen baut, Satellitennetze spannt und weltweite Debattenräume kontrolliert, verfällt leicht einer narzisstischen Allmachtsphantasie. Musk inszeniert sich nicht mehr bloß als Ingenieur, sondern als Weltenlenker, der über Krieg und Frieden richtet. Auf X fordert er kurzerhand die Absetzung eines demokratisch gewählten Präsidenten. Er betrachtet das Weltgeschehen wie ein Strategiespiel auf dem Smartphone – frei von persönlichem Risiko, aber mit maximalem Nervenkitzel.

Für uns als Beobachtende löst das eine tiefe kognitive Dissonanz aus. Jahrelang galt der Umstieg auf Produkte aus Musks Universum als fortschrittlich, zukunftsgewandt und sauber. Doch plötzlich wird das eigene Auto oder der eigene Internetanschluss zum Symbol einer bitteren Wahrheit: Du kaufst keine Freiheit, du mietest dich in die Abhängigkeit ein. Wer Software-Updates over-the-air einspielt und Satellitenfrequenzen zentral steuert, behält den Daumen auf dem Schalter. Was heute der ukrainischen Armee passiert, kann morgen jeden treffen, dessen Haltung dem Konzernlenker nicht passt.

Götzen der Machbarkeit: Was Theologie dazu sagt

Das Phänomen ist nicht neu, auch wenn die Technologie modern wirkt. Der französische Soziologe und Theologe Jacques Ellul warnte schon vor Jahrzehnten davor, dass die Technik dazu neigt, ein eigenständiges Herrschaftssystem zu errichten. Für Ellul wird Technik dann zum Götzen, wenn man Effizienz und Macht über jedes moralische Urteil stellt. Wenn das technisch Mögliche einfach getan wird – ohne Bindung an Recht und Würde –, verwandelt sich der Mensch vom Schöpfer der Werkzeuge in deren Sklaven.

Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat diesen Mechanismus in ihrer Theologie der Befreiung messerscharf seziert: Sie beschrieb, wie der Glaube an Markt und Profit eine Form des Götzendienstes ist, der buchstäblich über Leichen geht. Ein System, das Leben gegen wirtschaftliche Vorteile verrechnet, verfehlt den Kern des christlichen Menschenbildes. Der Mensch ist kein Rädchen in der Machtmaschinerie globaler Eliten. Nach dem Vorbild Jesu, der sich radikal an die Seite der Bedrängten und Verwundbaren stellte, verlangt echte Verantwortung den Widerstand gegen jede Form von Willkürherrschaft. Niemand darf einem Herrscher oder Konzernchef das Recht einräumen, über Leben und Tod zu verfügen.

Konsequenzen ziehen an der Ladesäule

Was bedeutet das für den Alltag? Die bittere Einsicht lautet: Produkte von Elon Musk sind kein neutrales Konsumgut mehr. Ein Tesla auf dem Parkplatz oder eine Starlink-Schüssel auf dem Dach sind nicht einfach nur Gadgets – sie finanzieren und legitimieren eine Machtfülle, die demokratische Spielregeln pulverisiert. Wenn ein Hersteller nach Belieben Funktionen kappen kann, verliert das Wort Eigentum seine Bedeutung.

Wer jetzt nicht begreift, wie gefährlich solche Monopole sind, wacht in einer Welt auf, in der wenige Tech-Oligarchen diktieren, was geht und was nicht. Europa muss seine eigene digitale Infrastruktur schleunigst aufbauen, statt vor US-Milliardären zu kuschen. Und jeder Einzelne muss sich fragen: Gebe ich mein Geld weiterhin Leuten, die Freiheit per Mausklick abschalten?

Verwendete Quellen

  1. ZEIT Online / AFP: Ukraine beobachtet weiter Einschränkungen von Starshield (23. Oktober 2026)
  2. Der Spiegel: Satellitentechnik im Krieg: Ukraine beobachtet weiter Einschränkungen bei Starshield (23. Oktober 2026)
  3. The Wall Street Journal / RBC Ukraine: Starlink still loses connection in Ukraine at speeds above 100 MPH / Trump called Elon Musk (23. Oktober 2026)
  4. The Guardian: Trump, Musk, Zelenskyy: who is blaming who in Ukraine-Starlink row (23. Oktober 2026)
  5. Der Spiegel: Musk soll Starshield-Einschränkung für Ukraine angeordnet haben (21. Oktober 2026)
  6. Stuttgarter Zeitung / dpa: Ukraine-Krieg: Trump: War nicht für Starlink-Drosselung verantwortlich (16. Oktober 2026)
  7. Lausitzer Rundschau: Selenskyj und Trump im Clinch: Was die Starlink-Abschaltung für die Ukraine bedeuten würde (15. Oktober 2026)
  8. taz.de / rtr / afp: Nachrichten im Ukraine-Krieg: Ukraine klagt weiter über Einschränkungen bei Starshield (23. Oktober 2026)

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