Paulus im dritten Himmel

Der Bericht des Apostels Paulus in 2. Korinther 12,1–10 über seine Entrückung in den „dritten Himmel“ gehört zu den geheimnisvollsten und zugleich wirkungsmächtigsten Passagen des Neuen Testaments. Paulus beschreibt eine Erfahrung, die an der Grenze des Sagbaren liegt: Er spricht von sich in der dritten Person („ich kenne einen Menschen in Christus…“), um den Fokus von seiner Person auf die Gnade Gottes zu lenken.

​Diese Passage wirft fundamentale Fragen auf: Ist der „dritte Himmel“ ein Ort oder ein Zustand? Ist diese Ekstase ein Ziel christlicher Spiritualität oder eine Ausnahme?

​1. Die Antike: Aufstieg der Seele und Grenzen der Schau

​In der frühen Kirche wurde Paulus’ Vision oft als Modell für die mystische Gotteserkenntnis gedeutet. Origenes sah darin den Beweis für die Fähigkeit der Seele, durch Reinigung zu Gott aufzusteigen. Doch bereits Augustinus von Hippo mahnte zur Differenzierung. In seinem Werk De Genesi ad litteram unterscheidet er drei Arten der Vision: die körperliche, die geistige (spiritueller Bilderschatz) und die intellektuelle (unmittelbare Schau der göttlichen Wahrheit).

​Für Augustinus war Paulus’ Entrückung ein Vorgeschmack auf die Visio beatifica (die seligmachende Schau), die eigentlich erst nach dem Tod möglich ist:

​„Es ist also nicht unglaublich, dass einem so großen Apostel […] diese so ausgezeichnete Offenbarung gewährt wurde, dass er Gott in seinem Wesen sah, wie er von den Heiligen nach diesem Leben gesehen werden wird.“

Augustinus, Epistula 147 (De videndo Deo).

​2. Das Mittelalter: Die Scholastik und die Ordnung des Himmels

​Im Mittelalter systematisierte Thomas von Aquin diese Erfahrung. Für ihn war der „dritte Himmel“ nicht nur eine Metapher, sondern ein Hinweis auf die Vollkommenheit der Erkenntnis. In der Summa Theologiae erklärt er, dass der Geist des Paulus zeitweilig von den Sinnen abstrahiert wurde, um das göttliche Wesen zu schauen.

​„Die Entrückung fügt der Ekstase etwas hinzu; denn die Ekstase bedeutet bloß ein Heraustreten aus sich selbst […], die Entrückung aber bedeutet eine gewisse Gewalt, mit der man weggerissen wird.“

Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II, q. 175, a. 1.

​Thomas betont, dass Paulus nicht mit seinem Körper dort war, sondern dass sein Geist die rein geistige Welt (den Empyreum) schaute.

​3. Die Reformation: Wort gegen Ekstase

​Die Reformatoren standen mystischen Spekulationen skeptisch gegenüber. Martin Luther fürchtete, dass der Fokus auf solche „Himmelsreisen“ den Gläubigen vom leidenden Christus am Kreuz ablenken könnte. Für Luther war das Entscheidende nicht die Entrückung (die Theologia gloriae), sondern der „Pfahl im Fleisch“, den Paulus im selben Kapitel erwähnt.

​„Gott will nicht, dass wir in den Himmel steigen, sondern er ist zu uns herabgestiegen. Paulus rühmt sich hier nicht seiner Stärke, sondern seiner Schwachheit, damit die Kraft Christi in ihm wohne.“

Martin Luther, Auslegung des zweiten Briefes an die Korinther (WA 7).

​4. Moderne und Gegenwart: Existentiale Deutung und Psychologie

​In der Moderne verschob sich der Fokus. Rudolf Bultmann deutete die Passage im Rahmen seiner Entmythologisierung. Für ihn war die Rede vom „dritten Himmel“ Teil des antiken Weltbildes, das heute nicht mehr wörtlich genommen werden kann. Entscheidend sei die existentiale Bedeutung: Der Mensch erfährt, dass sein Heil nicht aus ihm selbst, sondern von „jenseits“ kommt.

Paul Tillich sah in der Entrückung eine Form der „Ekstase“, die er als „das Stehen außerhalb seiner selbst“ definierte, ohne jedoch die Vernunft zu zerstören. Er nennt dies das Ergriffensein von dem, was uns unbedingt angeht.

​Psychologische Perspektive

​Psychologisch betrachtet kann man Paulus’ Erfahrung als einen veränderten Bewusstseinszustand (Trance oder Ekstase) beschreiben. Kritiker wie der frühe Friedrich Schleiermacher betonten das „Gefühl schlechthiniger Abhängigkeit“, das sich in solchen Momenten manifestiert. Heute würde man neurotheologisch von einer Deaktivierung bestimmter Hirnareale sprechen, die die Grenze zwischen „Ich“ und „Welt“ ziehen.

​5. Die dialektische und heutige Theologie

Karl Barth warnte davor, die Entrückung als menschliche Leistung zu missverstehen. In seiner Kirchlichen Dogmatik betont er die Souveränität Gottes:

​„Nicht Paulus hat sich in den dritten Himmel geschwungen, sondern er ist dorthin ‚entrückt‘ worden. Das Wunder ist nicht die Psyche des Apostels, sondern das Handeln Gottes an ihm.“

Karl Barth, Kirchliche Dogmatik II/1.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) verband die Vision mit der Demut. Er wies darauf hin, dass Paulus über diese Erfahrung 14 Jahre lang schwieg. Das zeige, dass wahre christliche Mystik nicht auf Sensation aus sei, sondern in den Dienst des Apostolats gestellt werde.

N.T. Wright fügt heute die jüdische Perspektive hinzu: Der „dritte Himmel“ ist für Paulus kein ferner Ort, sondern die Dimension Gottes, die unsere Welt überlagert. Entrückung ist nach Wright das „Aufreißen des Vorhangs“ zwischen den Dimensionen.

Die Stärke in der Schwachheit

​Die theologische Geschichte der Deutung von 2 Kor 12 zeigt eine Bewegung von der kosmologischen Spekulation (Mittelalter) hin zur Existentialtheologie und Gnadentheologie (Moderne).

​Heute versteht man die Entrückung oft als paradoxes Ereignis: Paulus darf den Himmel schauen, nur um wieder auf die Erde zurückgeworfen zu werden – konfrontiert mit seiner eigenen Gebrechlichkeit. Wie Dietrich Bonhoeffer in Widerstand und Ergebung treffend bemerkte:

​„Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig. Die Kirche steht nicht dort, wo das menschliche Vermögen versagt, an den Grenzen, sondern mitten im Dorf.“

​Der „dritte Himmel“ dient also nicht der Flucht, sondern der Befähigung, das Leid der Erde im Licht der Ewigkeit zu tragen.


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