Weshalb man dem Putin-Regime nicht vertrauen kann

Vertrauen ist eine Zukunftsprognose in das Verhalten eines Menschen aufgrund seines bisherigen Verhaltens.

Der aktuelle Diskurs im Februar 2026 ist von einer tiefen Zerrissenheit geprägt. Während in Abu Dhabi hinter verschlossenen Türen über ein Ende des Krieges verhandelt wird, stellt sich für die Ukraine und ihre Verbündeten eine existenzielle Frage:

Kann man Sicherheit durch Verträge kaufen, wenn der Partner am Verhandlungstisch das Wort „Vertrag“ historisch als taktisches Täuschungsmanöver definiert?

​Das Donbas-Dilemma: Sicherheit zwischen Papier und Panzern

Der rote Faden, der sich durch die aktuelle Debatte zieht, ist das Problem der von Putin zerstörten Glaubwürdigkeit.

Die ukrainische Öffentlichkeit, zermürbt von einem fast vierjährigen Vernichtungskrieg und einem harten Winter unter ständigem Beschuss der Energieinfrastruktur, beginnt sich zu spalten. Umfragen vom Februar 2026 zeigen, dass erstmals knapp 40 % der Ukrainer bereit wären, territoriale Zugeständnisse im Donbas zu machen – allerdings unter einer Bedingung, die fast wie ein Oxymoron wirkt: „Eiserne“ Sicherheitsgarantien.

​Das Trauma von 1994: Warum Papier nicht schützt

​Die Skepsis gegenüber neuen Garantien ist nicht nur berechtigt, sie ist historisch belegt. Das Budapester Memorandum von 1994 wird heute oft als das mahnende Beispiel für „naive Diplomatie“ angeführt. Damals gab die Ukraine das drittgrößte Nukleararsenal der Welt ab und erhielt dafür im Gegenzug „Security Assurances“ (Sicherheitszusagen) von Russland, den USA und Großbritannien.

​Der entscheidende Unterschied, den Analysten heute betonen, liegt im juristischen Detail:

  • ​Assurances (Zusagen): Politische Absichtserklärungen ohne automatischen militärischen Beistand.
  • ​Guarantees (Garantien): Rechtlich bindende Verpflichtungen, die oft die Stationierung von Truppen oder automatische militärische Reaktionen (ähnlich NATO-Artikel 5) beinhalten.

​Die Ukraine fordert heute keine bloßen Versprechen mehr. Was in Abu Dhabi diskutiert wird, ist eine „Koalition der Willigen“, die europäische Truppen direkt an der Demarkationslinie stationieren könnte. Doch hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Der Kreml hat bereits klargestellt, dass er westliche Stiefel auf ukrainischem Boden niemals akzeptieren wird. Ein Abkommen ohne diese Truppen wäre jedoch für Kiew nur ein weiteres Stück Papier, das den nächsten Angriff lediglich vertagt.

​Die strategische Falle: Der Verlust des Schutzwalls

​Ein Rückzug aus dem restlichen Donbas (insbesondere den befestigten Städten wie Kramatorsk und Slowjansk) wäre militärisch gesehen ein Hochrisiko-Spielfeld. Die Ukraine hat über Jahre hinweg einen massiven „Festungsgürtel“ errichtet – ein System aus Betonbunkern, Panzergräben und Industrieanlagen, das als strategisches Bollwerk fungiert.

​Sollte die Ukraine diese Linien aufgeben, würde sie sich in das flache, offene Tiefland westlich des Donbas zurückziehen. Ein russischer Angriff im Jahr 2027 oder 2028 fände dort kaum natürliche Hindernisse vor. Die Sorge der Realisten ist klar: Man gibt die beste Verteidigungsposition auf, in der Hoffnung, dass ein Aggressor, der bereits mehrfach gelogen hat, diesmal sein Wort hält.

​„Es ist eine große Illusion zu glauben, dass ein Abkommen über eine Demarkationslinie zu einem dauerhaften Frieden führt. Ohne massive militärische Abschreckung ist jede Pause nur eine Phase der russischen Wiederbewaffnung.“ – Oleh Saakian, Politologe (Februar 2026)

​Vertrauen als wertlose Währung

​Das Kernproblem bleibt die Natur des Putin-Regimes. Wer Zivilisten bombardiert und internationale Verträge als „Schwäche des Westens“ auslegt, nutzt Verhandlungen oft als operatieve Pause. In der Analyse der aktuellen Gespräche in Abu Dhabi wird deutlich, dass Russland versucht, die Ukraine zur Entmilitarisierung zu zwingen, während es gleichzeitig den Donbas als Aufmarschgebiet sichert.

​Die Logik hinter den ukrainischen Zugeständnissen ist daher kein Vertrauen in Putin, sondern die Hoffnung auf eine „Stachelschwein-Strategie“: Die Ukraine so stark mit westlichen Waffen und (vielleicht) einer EU-Mitgliedschaft zu panzern, dass ein erneuter Angriff für Russland schlicht zu teuer wird. Ob dies jedoch ausreicht, um die strategische Tiefe zu ersetzen, die man mit dem Donbas verliert, bleibt die gefährlichste Wette der ukrainischen Geschichte.

​Quellen:

  1. The New York Times (04.02.2026): For Peace, More Ukrainians Consider the Once Unthinkable: Surrendering Land.
  2. ​The Guardian (04.02.2026): Ukraine-Russia talks: how close is a peace deal?
  3. ​Kyiv International Institute of Sociology (KIIS) (Februar 2026): Public opinion on territorial concessions and security guarantees.
  4. ​NATO Transcript (03.02.2026): Address by Secretary General Mark Rutte to the Verkhovna Rada.
  1. ​Prio Analysis (04.02.2026): Energy truce as a preamble to peace?


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Kommentare

7 Kommentare zu „Weshalb man dem Putin-Regime nicht vertrauen kann“

  1. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Sie haben Recht. Man kann Putin nicht vertrauen. Seine Aussagen haben dieselbe Glaubwürdigkeit wie Wahlversprechen einschlägig bekannter Politiker in Deutschland.

    1. Sehen Sie nicht den Unterschied? Oder wollen Sie ihn nicht sehen?

      1. Sorry , welcher Unterschied? Letztendlich ist es Prinzip jeder Politik weder glaubhaft noch verlässlich zu sein. Völlig egal wo und wann.

      2. Avatar von Sabine M.
        Sabine M.

        Der Unterschied besteht darin, daß es für den Frieden in der Ukraine Sicherheitsgarantien geben wird, die Putin nicht aushebeln kann.
        Auf der anderen Seite sind die Lügen des Merz zwar nicht tödlich und schaden nur dem eigenen Land, aber sie werden offenbar auch nicht sanktioniert. Aktuell würde immer noch jeder vierte Wähler seine Partei wählen.

  2. @Sabine
    Ja, nur als Beispiel: Tatsächlich hatte Merz, als er in der Opposition war, die Lieferung von Taurus angekündigt, wovon er nichts mehr wissen wollte, seit er Kanzler ist.

    Ob es belastbare Sicherheitsgarantien für die Ukraine geben wird, bezweifle ich, auch, wenn es sie natürlich geben sollte.
    Denn nach der Erfahrung, dass die Sicherheitszusagen des Buderpester Memorandums von 1994 völlig wertlos waren, müssten mindestens – um einigermaßen glaubhaft zu sein – größere Truppenkontingente westlicher Staaten in der Ukraine stationiert werden. Alles andere ist als „Sicherheitsgarantie“ nach dem wertlosen Budapester Memorandum nicht mehr vertrauenswürdig.

    1. Avatar von Sabine M.
      Sabine M.

      Ja, die Sicherheitsgarantien sollten robust sein. Da die Vorgeschichte den Verhandlern bekannt ist, erwarte ich aber, daß sie es sein werden.

  3. @pjotrsagt Der Unterschied liegt in der Dimension: Putin überfiel 2014 das erste Mal die Ukraine und log lange, damit nichts zu tun zu haben.
    Putin log im Vorfeld des russ. Angriffskrieges auf die Ukraine, der am 24.2.22 begann, er werde nicht angreifen, trat dann aber völlig grundlos den größten Landkrieg in Europa seit dem Ende des 2. Weltkrieges los mit Millionen Vertriebenen in der Ukraine, zehntausenden Toten, unglaublichen Gräueltaten und über 20.000 nach Russland verschleppten ukrainischen Kindern.

    Wenn ein westlicher Politiker seine Wahlversprechen nicht hält, ist das zwar enttäuschend, aber in der Dimension nicht vergleichbar.

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