
Raus aus der Blase
Die alte Story aus der Bibel kennst du bestimmt: Adam, Eva, die Schlange und diese verbotene Frucht. Eigentlich geht es dabei um viel mehr als nur um ein Stück Obst. Die Geschichte beschreibt genau den Moment, in dem wir unsere Unschuld verlieren und die Realität uns mitten ins Gesicht schlägt.
Solange wir aufwachsen, leben wir oft in einer Art heilen Welt. Alles scheint irgendwie geregelt, die Bezugspersonen haben alles im Griff und das Leben fühlt sich sicher an. Das ist das psychologische Paradies. Doch um im Leben überhaupt eigenständig existieren zu können, müssen wir lernen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Wir müssen kapieren, was uns guttut und was uns schadet.
Das Problem dabei? Sobald wir einmal checken, dass es echte Ungerechtigkeit, Egoismus und miese Absichten auf der Welt gibt, platzt unsere schöne Seifenblase. Das Paradies ist dann vorbei. Wir können die Augen nicht mehr davor verschließen, dass die Welt eben kein perfekter Spielplatz ist.
Wo uns das im Alltag begegnet
Dieses „Vertreiben aus dem Paradies“ ist kein einmaliges Event aus einem alten Buch, sondern passiert ständig in unserem eigenen Leben:
- Der Vertrauensbruch in der Freundschaft: Du hast diesen einen Menschen, mit dem du alles teilst. Absolute Harmonie. Doch plötzlich kriegst du mit, dass diese Person hinter deinem Rücken übel über dich ablästert. Peng. Das blinde, unschuldige Vertrauen ist weg. Du merkst, dass auch Menschen, die du liebst, verletzend sein können. Das ist schmerzhaft, aber lebenswichtig, damit du künftig Beziehungen realistischer einschätzt.
- Der Blick hinter die Kulissen der Erwachsenen: Als Kind denkt man, die „Großen“ haben auf alles eine Antwort. Irgendwann kommt der Moment, in dem du merkst, dass Chefs, Lehrer oder sogar die eigenen Eltern oft selbst absolut keinen Plan haben, Fehler machen, überfordert sind oder sich ungerecht verhalten. Die Vorstellung von einer perfekt geregelten, sicheren Welt bricht zusammen.
- Die Wahrheit über Social Media: Du scrollst durch perfekt durchgestylte Feeds, alles wirkt harmonisch und glücklich. Doch sobald du dich mit den Schattenseiten wie Cyberbullying, Fake-Filtern oder dem harten Konkurrenzkampf dahinter beschäftigst, verliert die Plattform ihren unschuldigen Glanz. Du erkennst das Gift hinter der schönen Fassade.
Wie wir damit umgehen
Es ist verlockend, die Augen zu verschließen und sich in die alte, gemütliche Unwissenheit zurückzusehnen. Aber das funktioniert nicht mehr, wenn der Vorhang erst einmal gefallen ist. Wer das Schlechte einfach ignoriert, wird früher oder später eiskalt erwischt.
Die Wahrheit ist: Die Vertreibung aus dem Paradies fühlt sich im ersten Moment nach einem harten Verlust an, aber sie ist der Startschuss fürs echte Leben. Erst wenn wir das Böse und die schwierigen Seiten der Welt erkennen, können wir uns bewusst für das Gute entscheiden. Es ist der Schritt vom naiven Zuschauer zum selbstbestimmten Menschen, der die Welt verändert, anstatt sich nur in ihr zu verstecken.
Genau genommen muss also Gott Adam und Eva überhaupt nicht aus dem Paradies hinauswerfen. Denn diese beiden haben sich dadurch, dass sie nun den Unterschied zwischen Gut und Böse kennen, selbst hinausgeworfen.
Aber das ist auch nur die halbe Wahrheit. Die andere Wahrheit ist die: nur, wo es Unterschiede gibt, ist Existenz überhaupt möglich. Wäre alles nur weiß, würde man überhaupt nichts sehen. Nur im zusammenspiel von weiß und schwarz und den Nuancen dazwischen ist Existenz erst möglich.
Und da Adam und Eva, als sie von der Frucht des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse essen, noch überhaupt nicht wissen, dass es böse ist, das Verbot Gottes zu übertreten, der ja gesagt hatte, sie dürfen von diesem Baum nicht essen, denn sonst würden sie sterben – da Adam und Eva also dies gar nicht überblicken können, stolpern sie gewissermaßen in das Ganze hinein, ohne eine Chance zu haben, es nicht zu tun.
Erst im Nachhinein merken sie, dass es böse ist, ein Verbot zu überschreiten.
Aber in diesem Fall ist eben das Überschreiten dieses Verbotes die Grundlage dafür, dass der Mensch als moralisches Wesen überhaupt in Existenz treten kann.
Und Gott lässt es zu. Gott lässt es zu, dass der Mensch als eigenständiges Wesen in Erscheinung tritt.
Und der Mensch stirbt nicht, nachdem er nun ein moralisches Wesen geworden ist, aber er stirbt ab und zu im Leben kleine moralische Tode, weil er nicht weiß, wie er sich richtig entscheiden muss. Dabei wäre es in der Theorie ganz einfach: das Doppelgebot der Liebe, das Jesus formuliert hat, gibt es vor:
Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Mitmenschen wie dich selbst.
Gottesliebe. Nächstenliebe. Selbstannahme.
Was im Video gesprochen wird:
Englisch
If we eat of this fruit, we will be like God and able to distinguish between good and evil. To exist, we must be able to distinguish between good and evil. However, if we recognize that evil also exists in the world, paradise automatically comes to an end for us.
Deutsch
Wenn wir von dieser Frucht essen, werden wir wie Gott sein und in der Lage sein, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Um zu existieren, müssen wir in der Lage sein, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Wenn wir jedoch erkennen, dass auch das Böse in der Welt existiert, findet das Paradies für uns automatisch ein Ende.



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