Ungarns exklusiver Telefonservice nach Moskau

Stille Post für Fortgeschrittene

In Brüssel herrscht helle Aufregung, was in etwa so überraschend ist wie die Erkenntnis, dass Wasser bei Kälte gefriert. Man ist „äußerst besorgt“ . Der Grund: Ungarns Außenminister Péter Szijjártó soll die Kaffeepausen bei EU-Gipfeln nicht etwa für schlechten Catering-Espresso genutzt haben, sondern für den direkten Draht nach Moskau.

​Während andere Minister darüber rätseln, ob das Gebäck vegan ist, telefonierte Szijjártó offenbar fleißig mit seinem „Amtskollegen“ Sergej Lawrow. Man nennt das wohl transparente Diplomatie – zumindest gegenüber dem Kreml. Dass sensible EU-Interna schneller in Russland landen als das Protokoll im Schredder, ist für die EU-Kommission eine völlig neue, schockierende Hypothese. Oder zumindest tut man so, um den diplomatischen Formdienst zu wahren.

Angriff ist die beste Geständnistaktik

​Viktor Orbán, der Großmeister der politischen Umkehrlogik, reagierte gewohnt souverän. Sein Argument: Die Vorwürfe seien nur deshalb bekannt, weil man den armen Herrn Szijjártó abgehört habe. Das ist logisch brillant. Wer den Dieb beim Stehlen filmt, begeht schließlich in erster Linie eine Verletzung der Privatsphäre. Dass Orbán damit indirekt bestätigt, dass die Gesprächsinhalte korrekt wiedergegeben wurden, ist ein Detail, das man in Budapest sicher mit einem freundlichen „Pörkölt“ herunterspült.

Polnischer Pragmatismus und Brüsseler Gedächtnislücken

​Donald Tusk zeigt sich derweil so überrascht wie ein Meteorologe vom Regen im April. Er rede bei EU-Gipfeln ohnehin nur noch das Nötigste, wahrscheinlich um zu verhindern, dass seine Einkaufsliste morgen im russischen Staatsfernsehen analysiert wird.

​Besonders pikant: Die Vorwürfe sind nicht neu. Schon früher gab es Gerüchte über ein ungarisches Spionagenetzwerk, das unter dem Deckmantel der Diplomatie agierte. Dass der heutige EU-Kommissar für Gesundheit, Olivér Várhelyi, damals die entsprechende Vertretung leitete, verleiht der Sache eine charmante Note von Kontinuität. In der EU weiß man eben: Vertrauen ist gut, aber ein ungarischer Informant ist schneller.

Verrat oder einfach nur guter Kundenservice?

​Die Opposition in Person von Péter Magyar spricht von „Hochverrat“. In Brüssel nennt man es diplomatisch „Klärungsbedarf“. Fakt ist: Wenn im April gewählt wird, könnte es für Orbán eng werden. Bis dahin wird in den Pausen der EU-Gipfel vermutlich erst einmal ein Handyverbot diskutiert – oder man schickt Szijjártó einfach direkt zum Telefonieren vor die Tür, damit der Empfang nach Moskau besser ist.

​Es bleibt die Erkenntnis: In der europäischen Familie ist Ungarn das Mitglied, das beim Spieleabend heimlich die Karten des Nachbarn an die Konkurrenz im Nebenzimmer simst und sich dann beschwert, dass man ihm aufs Display geschaut hat.

Quelle ZEIT


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