Heiliger Josef

Der Heilige Josef, Ziehvater Jesu – was für ein Mann! Und welch großartige Orientierung für das Leben! Ich bin sehr dankbar für meinen Namenspatron. Auch, weil er mich in der allgemeinen Geschwätzigkeit unserer Zeit, an der ich viel zu oft teilhabe, durch sein Schweigen – kein Wort ist von ihm überliefert – an den Wert der Zurückhaltung erinnert.

Neun Charakteristika des Heiligen Josef, die sich aus der biblischen Überlieferung herauslesen lassen, verdienen Beachtung.

Fleiß. Der Heilige Josef ist ein Mann des Fleißes. – „Jesus kam in seine Heimatstadt und lehrte die Menschen dort in der Synagoge. Da staunten alle und sagten: Woher hat er diese Weisheit und die Kraft, Wunder zu tun? Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?“ (Mt 13,54-55).

Josef ist ein fleißiger Arbeiter, ein „ehrlicher Malocher“. Die Evangelien nennen seinen Beruf „Tekton“, die EÜ macht daraus den „Zimmermann“. Doch die Tätigkeit des „Tekton“ war nicht auf die Holzverarbeitung beschränkt, sondern umfasste auch andere Gewerke auf dem „Bau“. Josef war wohl eher eine Art „Allround-Handwerker“, der ganze Häuser angefertigt hat und darüber hinaus vielleicht sogar deren Konzeption vornahm („Tekton“ kann auch „Baumeister“ oder „Architekt“ heißen). Fest steht: Der „Bau“ war (und ist) der Inbegriff des harten, rauen Gewerbes. Zugleich wird die Bau-Metapher weit über die Konstruktion von Häusern hinaus auf Versuche angewendet, neue Formen des Zusammenseins von Materie und neue Arten der Beziehung von Menschen zu schaffen. „Aufbau Ost“, „Vertrauen aufbauen“, am „Haus Europa bauen“. Auch das ist harte Arbeit, auch dafür braucht es Fleiß. Josef baut fleißig Häuser. Zugleich baut er, ebenso fleißig, mit am Erlösungswerk Gottes. Beide „Bauarbeiten“ verrichtet er beharrlich, ohne dabei auf den Lohn oder die Reputation zu achten. Er ist mit dieser Bescheidenheit ein Vorbild, weniger für den modernen Arbeiter, der freilich auch auf sein Einkommen schauen muss, vielmehr für den modernen Christen, der oft dazu neigt, sein Ansehen aufzupolieren, statt schlicht und einfach zu arbeiten, für Gott, für die Kirche. Wie Josef.

Sorge. Der Heilige Josef ist ein Mann der Sorge. – „Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam“ (Lk 2,41-51).

Plötzlich war er nicht mehr da: Jesus. Ein Zwölfjähriger allein im Gewimmel der Großstadt. Josef und Maria machen sich große Sorgen. Als sie ihn finden, wandelt sich die Sorge nach außen in Verärgerung über den – aus ihrer menschlichen, allzumenschlichen Sicht – ungezogenen Jungen. Sie machen ihm Vorhaltungen: „Warum hast du uns das angetan?“ Jesus nimmt die Sorge auf und spielt mit der Metapher der Vaterschaft. „Vater“ – so nennt Jesus Gott, an den sich die Juden nicht einmal auf die Nähe einer namentlichen Ansprache heranwagen. Der barmherzige Vater im Himmel ist ein Gegenentwurf sowohl zu den anthropomorphen Funktionsgöttern Roms als auch zu der abstrakten Vorstellung einer unerreichbaren Größe, als welche die Juden den Gott ihrer Väter tradierten. Jesus will seinen Eltern, aber auch uns, zu verstehen geben: „Macht Euch keine Sorgen, solange ich beim Vater bin bzw. solange ihr beim Vater seid.“ Bei Gott gibt es keine Angst und keine Sorge. Im Haus des Vaters hat die Suche ein Ende. Das „Gotteshaus“ ist ein Gebäude, hier: der Tempel von Jerusalem, aber auch eine neue Idee, die Jesus in die Welt setzt und von der wir glauben, dass sie in der Kirche Gestalt annimmt.

Ehrfurcht. Der Heilige Josef ist ein Mann der Ehrfurcht. – „Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen. Und als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was das Gesetz verlangt, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel. Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Als seine Eltern alles getan hatten, was Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück“ (Lk 2,22;27-28;33;39).

Josef und Maria sind gläubige Juden, die Gott im besten Sinne fürchten. Sie wollen Ihm das Kind weihen, das Maria vom Heiligen Geist empfing. Sie scheuen keine Kosten und Mühen, um es nach Jerusalem in den Tempel zu bringen, um alles zu tun, was das Gesetz des Herrn vorschreibt. Im Tempel werden sie ganz besonders reich beschenkt: Simeon offenbart ihnen das Geheimnis des Kindes: Jesus ist das Licht, dass die Heiden erleuchtet, und dem geschundenen Volk Israel bereitet Gott in Jesus Herrlichkeit. Josef und Maria staunen. Dem Respekt vor dem Gesetz der Juden folgt die Ehrfurcht vor der Prophezeiung, die Gott durch Simeon in die Welt trägt. An die Stelle der tradierten Erzählung vom Gesetz Gottes tritt die unmittelbare Erfahrung der Größe Gottes. Trotz dieser Offenbarung bleibt die Mission Jesu für die Eltern ein Geheimnis, dem sie staunend und ehrfürchtig gegenüberstehen. Auch für uns ist Jesu Leben, Jesu Tod und Jesu Auferstehung ein Geheimnis, dem wir uns nur in Ehrfurcht nähern und das wir nur im Vertrauen annehmen können. Unser Schrei nach Gewissheit, unser Verlangen nach Beweisen verfehlt die Dimension des Gottessohns und seiner Heilsmission.

Verantwortung. Der Heilige Josef ist ein Mann der Verantwortung. – „Als die Magier wieder gegangen waren, erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Als Herodes gestorben war, erschient dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel. Und weil er im Traum einen Befehl erhielt, zog er in das Gebiet von Galiläa und ließ sich in der Stadt Nazaret nieder“ (Mt 2,13-14;19;22-23).

Josef ist ein Mann der Tat, kein Mann großer Worte – in der Bibel ist kein einziges Wort aus seinem Mund überliefert. Im Gegensatz zu einigen Propheten hadert und handelt er nicht mit Gott. Gott hat es leicht mit ihm. Josefs Aufgabe besteht darin, in entschlossener Tatkraft die Verantwortung für das Wort Gottes und für die Frau, die es in die Welt brachte, wahrzunehmen. Das macht ihn zum Mitwirkenden im Heilsplan Gottes. Tätig Verantwortung zu übernehmen, ohne große Worte – das ist das Gebot der Stunde. Damals, als das Leben von Mutter und Kind bedroht ist. Heute, da viele Menschen Not leiden. Wie Josef müssen wir etwas tun, damit Erlösung kein Traum bleibt.

Demut. Der Heilige Josef ist ein Mann der Demut. – „Als die Engel von ihnen fort in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Kommt, wir gehen nach Bethlehem, um dieses Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat. So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag“ (Lk 2,15-16).

Josef bleibt im Hintergrund, denn es geht nicht um ihn. Das weiß er. Mutter und Kind stehen im Mittelpunkt. Für diese Nebenrolle braucht es Demut, zumal in einer Männergesellschaft, die Frauen und Kinder nicht als gleichberechtigt ansieht. Doch Josef ist anders: Er ist ein treuer, sorgender und demütiger Ehemann. Zu ihm, seiner Frau und dem göttlichen Kind kommen als erstes die, die ebenfalls treu, sorgend und demütig sind: die Hirten. Heute geht es meist darum, sich in den Vordergrund zu drängen, im Mittelpunkt zu stehen, die Hauptrolle zu spielen. Ein mühevolles, zeitraubendes, prestigearmes Geschäft wie das Hüten von Schafen und Ziegen wird als Stereotyp des Ausstiegs aus der Leistungsgesellschaft zitiert. Doch etwas von der Demut Josefs und der Hirten täte uns allen gut – dort, wo wir stehen und wirken.

Gehorsam. Der Heilige Josef ist ein Mann des Gehorsams. – „So ging auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus dem Haus und dem Geschlecht Davids war, um sich mit Maria, seiner Vermählten, die ein Kind erwartete, eintragen zu lassen“ (Lk 2,4-5).

Josef ist ein guter Staatsbürger. Er erfüllt seine Pflicht, auch wenn das bedeutet, weite Wege zu gehen. Er gibt dem Kaiser, was des Kaisers ist. In diesem Fall seine Daten. Vor allem aber gibt Josef in seinem Gehorsam Gott, was Gottes ist. Denn es in Teil des großen Heilsplans, dass Gott das junge Paar auf die beschwerliche Reise schickt. So wird die Heilige Familie vorbereitet auf eine noch beschwerlichere Reise, auf eine lange Phase der Flucht gen Westen. Als Migranten in Ägypten tragen sie das Wort aus dem Territorium Alt-Israels hinaus, noch bevor es das jüdische Volk zu hören bekommt. Es wird gleich klar: Jesus ist für die ganze Welt bestimmt, seine Botschaft gilt allen Menschen. Grenzenlos. Josefs Gehorsam darf nicht mit blinder Obrigkeitshörigkeit verwechselt werden. Auch Josef gehorcht Gott mehr als den Menschen, als er Maria annimmt, gegen jede menschliche Vernunft, das Gesetz seiner Herkunftskultur und das Gerede der Nachbarn. Und mit Maria nimmt er Jesus auf und bildet mit ihr die erste christliche Gemeinde.

Vertrauen. Der Heilige Josef ist ein Mann des Vertrauens. – „Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, scheue dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben. Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich“ (Mt 1,20-21;24).

Josef macht sich Gedanken. Seine Gedanken. Mitten in die menschliche (allzu menschliche!) Reflexion hinein spricht Gott sein Wort: Scheue dich nicht! Auch wenn es die Grenzen seiner Vernunft übersteigt: Josef vertraut Gott, der durch einen Engel im Traum zu ihm kommt. Er will auch Maria vertrauen. Als Josef wieder bei vollem Bewusstsein ist, schüttelt er sich nicht etwa und sagt: Was für ein Traum!, sondern hält fest an dem, was ihm gesagt wurde. Josef setzt sogleich um, was er als Gottes Wille erkannt hat und nimmt Maria zu sich. Glauben heißt nicht nur „Für-wahr-halten“, auch wenn Wahrheit im Glauben eine gewichtige Rolle spielt. Glauben heißt in erster Linie „Vertrauen“. Auch uns will Gott ansprechen, auch uns sagt er: Scheue dich nicht! Oft überhören wir es, oft geht es im Lärm der Geschäftigkeit unter. Wenn es mal durchdringt, wird es häufig von unseren misstrauischen Gedanken zunichte gemacht. Gottvertrauen ist dabei keine Leichtgläubigkeit; das Leichte drängt sich ohnehin auf. Auf Gottes Stimme zu hören und Gottes Willen zu tun, das ist das angemessene Vertrauen des Christen. Josef hat es vorgemacht.

Besonnenheit. Der Heilige Josef ist ein Mann der Besonnenheit. – „Noch bevor sie in der Ehe zusammenlebten, zeigte es sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen“ (Mt 1,18-19).

Die Erklärung für Marias Schwangerschaft ist unplausibel, widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Wer sollte es Josef angesichts dessen übel nehmen, wenn er die Sache ausschlachtet und Maria mit ihrer Geschichte ins Lichte der Öffentlichkeit zerrt, um der vermeintlichen Wahrheit willen. Doch das Unplausible ist wahr: Denn Gottes Wirken übersteigt den Verstand des Menschen, so gesund er auch sein mag. Vielleicht hat Josef das geahnt, vielleicht auch nicht. Fest steht: Josef ist kein Mann des Skandals. Er macht kein Fass auf. Er geht, in aller Stille. Denn er will nicht bloßstellen. Josef passt damit so gar nicht in unsere Zeit, in der keine Chance verpasst wird, Menschen bloßzustellen. Die Bloßstellung ist das Kerngeschäft der Medien. Die Stille hat keine Chance.

Liebe. Der Heilige Josef ist ein Mann der Liebe. – „Der Engel Gabriel wurde von Gott in die Stadt Nazaret in Galiläa zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus Davids stammte, und ihr Name war Maria“ (Lk 1,26-27).

Josef liebt Maria. Und er liebt Gott. In ihm zeigen sich die Liebe zu Gott und zum Menschen. Das wichtigste Gebot realisiert er wie kaum ein anderer Mensch. Josef ist ein Mann aus gutem Hause, aus sehr gutem sogar: dem Königshaus. Seine Verlobte Maria ist ein einfaches Mädchen. Doch sie wird die Hauptrolle spielen, er die Nebenrolle. In einem Film, dessen Handlung er nicht immer wird nachvollziehen können, zu groß ist das Geheimnis, zu großartig, was mit Maria geschieht. Aber er wähnt sich nie im falschen Film. Er weiß, dass alles, was geschieht, geschehen muss, weil es zur Ehre Gottes geschieht. Da macht er mit. Denn er liebt Maria. Und Gott. Das zählt.

Josef Bordat


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