Gaza-Stadt: Militärische Logik gegen die Realität des Guerillakampfes

Die israelische Armee hat alle Bewohner von Gaza-Stadt zur Flucht aufgerufen, um dort, laut eigener Aussage, „mit größerer Härte“ gegen die Hamas vorzugehen. Premierminister Netanjahu kündigte ein „Bodenmanöver“ an und sprach davon, die Stadt „militärisch vollständig einzunehmen“. Dahinter steckt eine militärische Strategie, die darauf abzielt, die Kommando- und Kontrollstrukturen sowie die gesamte Infrastruktur der Hamas zu zerschlagen. Die Zerstörung von 50 Hochhäusern in zwei Tagen ist ein Zeugnis dieser Taktik der „verbrannten Erde“.

Aus rein militärischer Sicht verfolgt dieser Ansatz mehrere Ziele:

  1. Zerstörung der Infrastruktur: Tunnel, Waffenlager, Kommandozentralen und Raketenabschussrampen, die oft in zivilen Gebäuden versteckt sind, sollen vernichtet werden.
  2. Trennung von Zivilisten und Kämpfern: Der Evakuierungsaufruf dient – zumindest in der Theorie – dazu, das Schlachtfeld zu „säubern“, um den Einsatz schwerer Waffen zu ermöglichen, ohne massenhaft Zivilisten zu treffen.
  3. Psychologische Kriegsführung: Die Demonstration überwältigender Macht soll den Willen der Hamas und ihrer Unterstützer brechen.

Allerdings offenbart sich genau hier die Achillesferse dieser Strategie. Die Hamas ist keine konventionelle Armee, die man in einer offenen Feldschlacht besiegen kann. Sie ist eine tief in die Gesellschaft eingebettete Guerilla-Organisation. Selbst wenn jedes Gebäude in Gaza-Stadt zerstört würde, bedeutet das nicht das Ende der Hamas.

Das zentrale Problem ist, dass Kämpfer sich jederzeit als Zivilisten ausgeben können. Sie legen ihre Waffen ab, ziehen zivile Kleidung an und mischen sich unter die flüchtende oder verbleibende Bevölkerung. Ein erobertes oder zerstörtes Gebiet kann so niemals als vollständig „gesichert“ gelten. Wie der Tod von vier israelischen Soldaten bei Dschabalija durch eine Guerilla-Aktion zeigt, kann die Hamas auch in bereits kontrollierten Gebieten jederzeit zuschlagen.

Die Zerstörung der Stadt löst also nicht das personelle Problem. Im Gegenteil, sie birgt erhebliche Risiken:

  • Radikalisierung: Die Zerstörung und das unermessliche Leid der Zivilbevölkerung können zu neuem Hass und einer noch größeren Rekrutierungsbasis für extremistische Gruppen führen.
  • Humanitäre Katastrophe: Die Vertreibung von schätzungsweise einer Million Menschen führt zu einer katastrophalen humanitären Lage, die den internationalen Druck auf Israel massiv erhöht.
  • Internationale Isolation: Die scharfe Kritik des UN-Menschenrechtskommissars Volker Türk, der von „Kriegsverbrechen“ spricht, und die Maßnahmen von Ländern wie Spanien zeigen, dass Israel durch dieses Vorgehen politisch und diplomatisch immer stärker isoliert wird.

Fazit: Die israelische Strategie, Gaza-Stadt einzunehmen und die Infrastruktur der Hamas zu zerstören, mag aus einer konventionellen militärischen Logik heraus Sinn ergeben. Sie ignoriert jedoch die Natur des asymmetrischen Konflikts. Die Hamas als Organisation und Idee lässt sich nicht einfach ausbomben. Solange die Kämpfer die Fähigkeit haben, in der Zivilbevölkerung unterzutauchen, wird ein militärischer Sieg durch die Zerstörung von Gebäuden kaum nachhaltig sein. Vielmehr riskiert Israel, einen Guerillakrieg auf unbestimmte Zeit zu befeuern und sich gleichzeitig auf der internationalen Bühne zu isolieren.

Quelle: Die Analyse basiert auf den Hintergrundinformationen aus dem Liveblog von ZEIT ONLINE vom 9. September 2025.


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