9. Mai: Russland feiert den Faschismus

Allein zu Haus auf dem Roten Platz: Die große Show der „Entnazifizierer“

Es ist schon eine besondere Form von Humor, wenn man sich in Moskau jedes Jahr auf das Podium stellt, um den Sieg über den Faschismus zu feiern, während man zeitgleich die Handbücher der Wehrmacht als Blaupause für die eigene Außenpolitik nutzt.

Doch dieses Jahr hat die Inszenierung eine neue, fast schon rührende Note bekommen: Der ukrainische Präsident Selenskyj hat dem Kreml quasi die exklusive Erlaubnis erteilt, den 9. Mai ganz für sich allein zu haben.

Während Kyjiw sich dem europäischen Gedenken am 8. Mai anschließt, darf Putin auf dem Roten Platz nun ganz ungestört als „neuer Nazi“ auftreten, der den Sieg über die „alten Nazis“ feiert. Ein historisches Kreiselspiel, bei dem einem schon beim Zuschauen übel wird.

Der rote Faden dieser bizarren Veranstaltung ist die totale Umkehrung der Realität. In Moskau wird die Geschichte nicht mehr erinnert, sie wird gekapert.

Während früher Veteranen geehrt wurden, die tatsächlich gegen die Tyrannei kämpften, dient die Parade heute als Tanzfläche für einen Personenkult, der alles verkörpert, was man 1945 eigentlich beerdigen wollte.

Dass Selenskyj diesen Tag in der Ukraine zum „Tag Europas“ erklärt hat, ist ein genialer Schachzug der Abgrenzung. Er überlässt dem russischen Regime die verstaubten Kulissen der sowjetischen Militär-Nostalgie, während er selbst die Tür zur Zukunft aufstößt. Es ist, als würde man dem exzentrischen Nachbarn erlauben, weiterhin in seiner Garage Weltkriegsszenarien nachzuspielen, während der Rest der Straße eine Grillparty im Hier und Jetzt feiert.

Besonders amüsant ist dabei die Materialschlacht, die in Moskau immer mehr zur Mangelverwaltung gerät. In den letzten Jahren sah man auf dem Roten Platz oft mehr historische T-34-Panzer als modernes Gerät – vermutlich, weil der Rest der „unschlagbaren“ Armee gerade damit beschäftigt ist, in ukrainischen Feldern als Altmetall zu enden. Die russischen Drohgebärden wirken zunehmend wie ein schlecht gealtertes Varieté, bei dem der Zauberer versehentlich seine eigenen Requisiten in die Luft jagt. Russland feiert einen Sieg über den Nationalsozialismus, während es mit Z-Symbolik, Deportationen und dem Ziel der Auslöschung einer ganzen Kultur exakt die Methoden anwendet, die es vorgibt zu hassen.

Dieser Widerspruch zieht sich durch die gesamte russische Propaganda. Man braucht den „Sieg“, um die eigene Größenwahnsinnigkeit zu rechtfertigen. Doch ohne die Ukraine, die im Zweiten Weltkrieg Millionen von Opfern brachte, wirkt die russische Feier wie eine Hochzeit ohne Braut. Der Kreml steht allein da, umringt von ein paar handverlesenen Despoten, und bejubelt sich selbst für eine „Moral“ , die er längst an der Grenze zur Ukraine abgegeben hat.

Selenskyjs „Erlaubnis“ zum Feiern ist in Wahrheit eine bittere Diagnose: Man lässt den russischen Patienten in seinem Wahn gewähren, weil er für Argumente ohnehin nicht mehr erreichbar ist.

Ein Blick in den Spiegel der Geschichte

Am Ende bleibt ein Bild der totalen Isolation. Während in Europa das Gedenken an die Befreiung eine Mahnung zum Frieden ist, bleibt der 9. Mai in Russland ein Kriegsinstrument. Putin feiert nicht das Ende des Leids, sondern das Potenzial für neues Leid, während er sich selbst gerne tief in Bunkern versteckt.

Denn das eigene Leben ist ihm ja doch mehr wert, als das Leben der 1,3 Millionen russischen Soldaten, die er bisher in den Tod oder in die Verstümmelung geschickt hat. Ganz zu schweigen von dem unermesslichen Leid, das er ich seinen Angriffskrieg in der Ukraine angerichtet hat mit zehntausenden Toten und Millionen Flüchtlingen.

Dass die Ukraine diesen Tag nun demonstrativ links liegen lässt, ist die ultimative Demütigung für den Zaren. Er darf seine Raketen zeigen, er darf seine Reden schwingen und er darf so tun, als wäre er der Erbe der Befreier. Doch die Welt sieht nur einen Mann, der so tief in der Vergangenheit feststeckt, dass er die eigene Fratze im Spiegel der Geschichte nicht mehr erkennt. Der Vorhang fällt, der Applaus bleibt aus, und zurück bleibt nur der bittere Geruch von Diesel und Größenwahn.

Quellen:

  • Merkur
  • Offizielle Dekrete des ukrainischen Präsidenten zur Verlegung des Gedenktages auf den 8. Mai.
  • Analysen internationaler Beobachter zu den russischen Militärparaden 2024/2025.
  • Berichte über die Umgestaltung der Geschichtspolitik


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