Fürchte dich nicht

Vampirin Luna. Don’t judge a book by its cover.

Nacht. Nebel. Eine dunkle Gasse. Barfuß kommt sie näher: Vampirzähne, dunkles Make-up, Blut im Gesicht. Wer in dieser Gasse kauert, hat allen Grund, Angst zu haben.

Und er hat Angst. Der Mann am Boden ist obdachlos und friert. Er hat nichts, außer dem Gefühl, dass die Welt ihm gerade noch etwas wegnehmen kann.

Dann streckt Luna die Hand aus. „Don’t be afraid.“

Sie kniet sich zu ihm, legt ihm eine Decke um die Schultern, reicht ihm einen Becher mit etwas Heißem. Zum Abschied lächelt sie und sagt: „You are safe.“ Dann verschwindet sie wieder in der Dunkelheit.

Wer ein paar Videos von Luna kennt, weiß, wovon sie sich sonst ernährt: von Horror Clowns, den Gestalten, die die Urangst des Menschen verkörpern und Panik verbreiten. Genau darum trifft diese Szene so hart. Die, die sich vom Schrecken nährt, wird für einen Menschen am Rand zum sichersten Ort der Nacht.

Wie oft ist es bei uns umgekehrt? Wir sehen das Grinsen, das Fremde, das Laute, das Kaputte, und gehen weiter. Das Gesicht sieht schlimm aus, also muss auch der Mensch dahinter schlimm sein. Und der Mensch, der wirklich Hilfe braucht, sitzt oft genau da, wo wir den Blick abwenden.

Luna dreht das um. Sie sieht aus wie ein Monster und handelt wie ein Mensch. Wir sehen oft aus wie Menschen und handeln wie die Typen, die vorbeigehen.

Und hier wird es theologisch, denn dieses Bild ist uralt. „Ich war obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“, sagt Jesus im Matthäusevangelium. „Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr mir getan.“ Der Mensch auf der Straße ist kein Sozialfall am Rand, sondern einer, in dem Gott selbst anklopft. Dazu das „Fürchte dich nicht“, das sich durch die ganze Bibel zieht. Es heißt nicht, dass es keine Dunkelheit gibt. Es heißt: Du bist darin nicht allein. Und der erste Johannesbrief sagt, dass Furcht in der Liebe keinen Platz hat, weil vollkommene Liebe die Furcht austreibt. Das Unheimliche endet in der Nächstenliebe.

Was heißt das für unseren Alltag?

Schau hin, statt weg. Der Mensch mit dem Pappbecher am Bahnhof ist nicht unsichtbar, auch wenn wir so tun.

Klein genügt. Eine Decke, ein Kaffee, ein Sandwich, ein Satz. Luna rettet nicht die Welt, sie rettet einen Moment. Genau das ist oft der Unterschied.

Würde schenken. Hinsetzen, Augenhöhe, ein Name, ein „Wie geht’s dir?“. Wer angesehen wird, fühlt sich wieder wie ein Mensch.

Sicherheit geben. „You are safe“ ist vielleicht der wichtigste Satz, den man einem anderen sagen kann, und der Mut, ihn auch zu meinen.

Nicht nach dem Cover urteilen. Weder bei anderen noch bei uns selbst. Auch wir tragen Masken, hinter denen die Angst hockt.

Das Video dauert eine halbe Minute. Die Frage, die bleibt, dauert länger: Wenn jemand in deiner Gasse kauert, wer bist du dann?


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