Two tribes

1984 – Die Welt steht am Abgrund, der Kalte Krieg brodelt auf seinem gefährlichen Höhepunkt und die Angst vor einem weltweiten Schlagabtausch liegt wie bleierner Nebel in der Luft. Genau in diese aufgeladene Stimmung hinein feuern Frankie Goes to Hollywood ihren brachialen Welthit „Two Tribes“. Die Band aus Liverpool um Frontmann Holly Johnson hatte kurz zuvor mit „Relax“ bereits für massive Skandale gesorgt. Doch mit „Two Tribes“ gingen sie noch weiter: Star-Produzent Trevor Horn goss die kollektive Angst vor der Selbstzerstörung in eine unaufhaltsame, donnernde Bassline, durchzogen von Sirenen und schneidenden Beats. Das dazugehörige Originalvideo zeigte die damaligen Machthaber Ronald Reagan und Konstantin Tschernenko, wie sie sich in einem schmutzigen Boxring gegenseitig zerfleischen – angefeuert von einer johlenden Meute. Die unmissverständliche Botschaft: Wenn zwei verhärtete Lager aufeinanderprallen, gibt es am Ende keine Gewinner. Nur Schutt und Asche.

Genau diese Urgewalt greift das aktuelle Video zu „Two Tribes“ auf, versetzt die Szenerie jedoch vor die Kulisse alter Tempelpyramiden mitten im Dschungel. Im fahlen Licht von Fackeln gehen zwei verfeindete Stämme mit Speeren und blanker Wut aufeinander los [00:46]. Man spürt förmlich den Schweiß, das Schreien und das dumpfe Aufeinanderprallen der Waffen. Doch mitten im Zentrum dieses Gemetzels geschieht etwas völlig Verrücktes: Luna und Jolene betreten die Bildfläche.

Zwei Vampirinnen, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Luna – düster, in tiefem Schwarz, mit dunklen Tränen und scharfen Reißzähnen [00:04]. Jolene – strahlend, in sanftem Beige, anmutig wie ein Engel, doch mit genau demselben unbarmherzigen Vampirgrinsen [00:12]. Wie Teufelchen und Engelchen schreiten sie mitten durch das Chaos. Sie greifen nicht zu Waffen. Sie schlagen sich auf keine Seite. Sie tanzen.

Sie wiegen sich lächelnd im Rhythmus des Achtziger-Beats, drehen sich verspielt im Staub [00:34], während ringsherum die Kämpfer bluten. Und in diesem Bild steckt eine Wahrheit, die tief unter die Haut geht: Wenn zwei Stämme sich im Hass verlieren, gewinnt weder die eine noch die andere Seite. Es gewinnen jene, die sich am Rand an unserem Schmerz laben. Licht und Schatten reichen sich die Hände und feiern den Untergang, den die Kämpfenden im Wahn selbst anrichten.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl nur zu gut aus deinem eigenen Alltag. Wir leben in einer Zeit, in der gefühlt alles zu einem Krieg zweier Lager hochgejazzt wird. In den Kommentarspalten auf Social Media, in hitzigen Debatten im Freundeskreis oder in der Familie: Ständig sollst du Partei ergreifen. Freund oder Feind? Schwarz oder weiß? Perfekt oder wertlos?

Wie oft lassen wir uns dazu verleiten, in diese Gräben zu steigen? Wir werfen mit verletzenden Worten um uns, verhärten unsere Herzen und kämpfen verbissen darum, recht zu behalten. Doch was bleibt übrig, wenn der Staub sich legt? Meistens nur Leere, Erschöpfung und die traurige Erkenntnis, dass wir unsere wertvollste Lebenskraft an einen Kampf verschwendet haben, der nichts heilt.

Und noch schmerzhafter: Dieser Krieg tobt oft in unserem eigenen Inneren. Es ist das ständige Ringen zwischen dem, wer wir sein wollen, und den nagenden Zweifeln, die uns nachts den Schlaf rauben. Das kleine Teufelchen auf der Schulter flüstert dir ein, dass du nicht gut genug bist. Das scheinheilige Engelchen auf der anderen Seite verlangt unmenschliche Perfektion. Wenn diese beiden Stimmen in deinem Kopf gegeneinander in den Krieg ziehen, bist du selbst das Schlachtfeld.

Der eigene Schritt aus der Arena

Die entscheidende Frage ist: Musst du diesen Kampf wirklich mitmachen?

Die Vampirinnen im Video können nur triumphieren, solange die Arena tobt. In dem Moment, in dem die Kämpfer ihre Speere senken, verliert der Tanz des Verderbens jede Macht. Genau das ist der Schlüssel für dein eigenes Leben:

  • Die Arena durchschauen: Halte kurz inne, sobald du merkst, wie dich ein Streit oder eine Spirale aus Vorwürfen emotional aussaugt. Frage dich ehrlich: Ist das wirklich mein Kampf, oder lasse ich mich gerade fremdsteuern?
  • Die Waffen bewusst fallen lassen: Du musst nicht jede Provokation erwidern und nicht jeden Kommentar im Netz richtigstellen. Aus einem sinnlosen Streit auszusteigen, ist keine Niederlage, sondern pure Stärke und Selbstschutz.
  • Innere Gegensätze annehmen: Hör auf, deine dunklen Seiten und deine Schwächen mit Härte niederringen zu wollen. Schmerz heilt nicht durch noch mehr inneren Druck, sondern durch ehrliches Verstehen und Mitgefühl mit dir selbst.
  • Brücken statt Mauern bauen: Wenn alles um dich herum spaltet, ist echtes Zuhören die stärkste Form des Widerstands. Suche das Verbindende, selbst wenn dein Gegenüber eine andere Meinung hat.

Am Ende entscheidet nicht das Geschrei der Menge darüber, wer du bist. Es entscheidet deine Bereitschaft, mitten im größten Trubel stehenzubleiben, durchzuatmen und leise zu sagen: Ich kämpfe hier nicht mehr mit.


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