Der Krieg im Kopf

Da ist man bei der Verwandtschaft, da ist man bei der Familie, man isst etwas zusammen und trinkt etwas und redet und lacht und macht ein paar Scherze. Und dann sitzt er plötzlich wieder auf dem Sofa, der Krieg, dann steht der in der Ecke, irgendwann stellt er sich mitten in den Raum, der Krieg, solange, bis man ihn nicht mehr ignorieren kann. Dann redet man über ihn, über die Ungeheuerlichkeit des Bösen, die sich darin zeigt, dass dieses Böse die Rechte von Menschen nicht achtet, sondern mit Füßen tritt. Zertritt.

Und während der Krieg im Raum steht und sich immer wieder zu Wort meldet, trampelt er in der Ukraine, entzündet von Lügen aus dem Kreml, durchs Land und legt alles in Schutt und Asche.

Kürzlich sprachen wir mit einer Georgierin aus der Nachbarschaft, die vor den russischen Aggressionen ebenfalls Angst hat. Vor einigen Jahren, 2008, war die russische Armee in Georgien teilweise einmarschiert. Und dann erzählt uns diese Georgierin von einer anderen Nachbarin, die Russin ist. Man weiß nicht genau, was sie macht, diese Russin, sie besitzt zwei Wohnungen, sie arbeitet nicht, sie scheint ziemlich viel Geld zu haben. Und von dieser Russin bekam die Georgierin per WhatsApp ein Video, eins zu eins die Propaganda Putins. Man hätte geglaubt, die Menschen im Westen, russische Menschen im Westen, könnten differenzieren, aber das können nicht alle. Manche schauten hier auch die russischen Sender, manche sind aufgefüllt mit der Propaganda Putins.

Und dann hört man Berichte im deutschen Fernsehen von russischen Familien, die selbstlos ukrainische Flüchtlinge aufnehmen. In Deutschland bemüht man sich darum, zu differenzieren, damit der Hass sich nicht Bahn brechen kann kollektiv gegen alle Russinnen und Russen. Das macht Sinn. Das ist vernünftig. Das hat man aus der deutschen Geschichte gelernt und das will man umsetzen. Richtig so.

Aber dann steht er wieder mitten im Raum. Der Krieg. Und die Russin schickt Putins Propaganda. Nicht jede Russin. Nicht jeder Russe. Aber manche schon. Da steht er, der Krieg, im Raum. Er sitzt auf dem Sofa. Er sitzt im Kopf. Er schickt WhatsApp-Nachrichten aus der Nachbarschaft.

Vor etwa zweieinhalb Wochen saßen Menschen in Kyjiw noch in Cafés, tranken einen Kaffee und genossen die Sonne. Sie trafen sich mit ihren Familien und Verwandten und Freundin. Ebenso in Mariupol. Von Mariupol ist kaum noch etwas übrig. Von Kyjiw demnächst vielleicht auch nicht mehr.

Und der Krieg steht mitten im Raum und sitzt auf dem Sofa und sitzt im Kopf. Und er erinnert uns daran, dass er so schnell nicht gehen möchte. Weder aus dem Raum, noch vom Sofa, noch aus dem Kopf. Er ist gekommen, um zu bleiben, er ist gekommen, um zu kommen. Der Krieg.

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