Die monströse Unfassbarkeit des Krieges

Wir alle wissen, was Krieg ist, und doch wissen wir es nicht.

Man weiß es solange nicht, bis man ihn selbst entweder am eigenen Leib erfahren hat, oder durch die Sorge um Leib und Leben von Angehörigen.

Diese Erfahrung musste ich kürzlich machen. Mit ein paar Freunden trank ich ein Bier, sie erkundigten sich, wie es denn so ist bei uns, weil die Angehörigen meiner Frau in der Westukraine leben. Ich erzählte.

Dann nach und nach wechselte die Richtung der Unterhaltung. Der ein und der andere überlegte taktisch, wie die Russen und die Ukrainer so vorgingen, der ein oder andere überlegte, ob man den einen oder den anderen Krieg mit dem aktuellen Krieg vergleichen könnte.

Irgendwann machte ich darauf aufmerksam, dass das momentan nicht die Art und Weise ist, in der ich gut über den Krieg reden kann. Es fällt mir schwer, ruhig dabei sitzen, wenn so abstrakt darüber geredet wird.

Denn über uns, genauer genommen über den Menschen, die aus der Familie meiner Frau stammen, hängt ein Damoklesschwert. Und somit hängt es auch über uns. Jeden Tag und jede Stunde. Jeden Tag und jede Stunde kann ein Anruf kommen, eine WhatsApp, die uns aus unserem sicheren Leben in München herausreißen. Es kann eine WhatsApp mit der Nachricht des Todes oder der Verletzung eines Angehörigen sein, es kann auch nur die Nachricht sein, dass die Russen den Westen der Ukraine beschießen oder weiter nach Westen vorrücken.

Die Freunde, mit denen ich geredet hatte, stellten im Nachgang fest, dass sie den Erfahrungshintergrund nicht hätten, um qualifiziert über den Krieg reden zu können. Und ich muss zugestehen, dass wir diesen Erfahrungshintergrund nun leider nur deswegen haben, weil wir mit im Boot des Krieges sitzen. Mit im Boot all derjenigen Menschen, um deren Leib und Leben wir fürchten. Täglich. Stündlich. Leider hatte der Krieg uns nicht vorher gefragt, ob wir mit in diesem Boot sitzen wollen. Er hatte uns einfach hineingesetzt und hinaus auf das donnernde Meer des Krieges gefahren. Aussteigen können wir nicht.

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