Squid Game, shit game ? Eine ethische Einschätzung der Netflix-Serie.

Auf Netflix läuft eine Serie mit dem Namen „Squid Game“, die völlig unerwartet zur erfolgreichsten Netflix-Serie aller Zeiten wurde und dabei in ihrem Plot konsequent die fundamentalsten Menschenrechte verletzt. Vielleicht ist sie trotz dieser Menschenrechtsverletzungen so erfolgreich, vielleicht aber auch gerade deswegen.

Inhaltlich ist es so, dass irgendeine ominöse Firma oder vielleicht auch eine Einzelperson, die sehr viel Geld hat, sich zielgerichtet die Ärmsten der Armen aussucht, Menschen nämlich, die extrem hoch verschuldet sind, was sich für diese Menschen so auswirkt, dass teilweise Kopfgeldjäger und Geldeintreiber hinter ihnen her sind, die notfalls deren Organe verkaufen wollen, die diese Menschen also möglicherweise töten und dann ausschlachten wollen.

Solche hoch verschuldeten Menschen, die Ärmsten der Armen, die keine Zukunftsperspektive haben, sucht sich diese ominöse Firma dann aus und bietet ihnen an, Kinderspiele zu spielen unter der Maßgabe, dass dann, wenn man einen Fehler macht, die sofortige und unbarmherzige Exekution erfolgt, etwas euphemistisch als Elimination bezeichnet.

Besonders gruselig wird das Ganze auch noch dadurch, dass es sich eigentlich um harmlose Kinderspiele handelt, die noch dazu in einer hübsch aufbereiteten kindgerechten Umgebung stattfinden, jedoch sind die Spielteilnehmer umzingelt von völlig anonymisierten Wächtern, welche pinkfarbene Anzüge mit einer Kapuze über dem Kopf tragen, und vor dem Gesicht haben diese Wächter ein schwarzes Visier mit einem Dreieck, einem Kreis oder einem Viereck drauf, das irgendwie deren Hierarchie symbolisiert. Auch diese Wächter, so erfährt man nach und nach, scheinen alles andere als frei zu sein, sondern sind streng hierarchisch in eine Befehlskette eingegliedert und bei einem Fehler, den sie sich erlauben, droht ihnen ebenfalls der sofortige Tod.

Ethisch ist also eine ganze Menge zu beanstanden. Wie erklären sich aber der Erfolg und die Milliardengewinne, die Netflix durch diese Serie eingefahren hat?

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Einer ist dieses konsequente Überschreiten einer ethischen Grenze, noch dazu unter dem Deckmantel scheinbar harmloser und vermeintlich unschuldiger Kinderspiele, was für eine sehr starke Kontrastierung sorgt.

Eine andere Erklärung ist, dass Menschen irgendwo den Grusel suchen, aus was für Gründen auch immer, und deshalb von dieser Serie nicht mehr ablassen können, obwohl sie in gewisser Weise davon angewidert sind.

So ganz aus der Luft gegriffen ist diese Serie übrigens nicht, zumindest nicht, wenn man in der Geschichte rückwärts denkt.

Da wäre beispielsweise die gnadenlose Menschenverachtung, der Rassismus und der Antisemitismus der Hitlerdiktatur.

Oder man geht zurück bis in die Antike. Die Römer beispielsweise hatten ihre Gladiatorenspiele, in welche sie Sklaven schickten, die zu Gladiatoren ausgebildet worden waren. Viele von diesen Sklaven verloren in der Kampfarena ihr Leben und kämpften zur Belustigung und zum Grusel und zur Unterhaltung der Volksmassen, und um entweder selbst ermordet zu werden oder andere Gladiatoren zu ermorden. Das ist auch das Prinzip von Squid Game. Der heutige Zuschauer versetzt sich, wenn er die Serie anschaut, gewissermaßen gut 2000 Jahre in der Geschichte zurück und nimmt den Platz der grölenden Masse ein, die betäubt ist vom Nervenkitzel um Leben und Tod, betäubt gleichzeitig von der Ambivalenz aus Abscheu und Neugier, die einen nicht wegschauen lässt.

Nun ist das Töten in Filmen und Serien nicht unbedingt etwas Neues. Schon in Westernfilmen sterben unzählige Menschen im Schusswechsel zwischen Cowboys, sie werden zur bloßen filmischen Masse degradiert. So auch in einigen Kriegsfilmen, die entweder den Krieg glorifizieren oder optimalerweise kritisch sehen und hinterfragen. Oder beispielsweise in der Amazonserie „Man in the high Castle“, welche eine fiktive Weltgeschichte entwirft, in der sich die Hitlerdiktatur bis in die USA ausgeweitet hat. Und irgendwo in dieser Gedankenwelt spielt nun auch Squid Game.

Weil aber das, was wir sehen, unser Denken und unsere Wahrnehmung prägt, ist trotzdem zu hinterfragen, ob man sich derlei anschauen sollte.

Auf jeden Fall dürfte die persönliche Reizschwelle in Bezug auf ethische Grenzen durch das Ansehen dieser Sendung verschoben werden. Im besten Fall stumpft der Zuschauer nur ein bisschen ab, im schlechtesten Fall verändert sich auch noch sein Menschenbild. Insofern ein shit game.

Oder aber am angewiderten Zuschauer, der allerdings irgendwie neugierig oder sensationslüstern auch nicht wegschauen kann, prallt das menschenverachtende Weltbild ab und er sieht den Zusammenhalt der kleinen Gruppe derjenigen Spieler, die überlebt. Allerdings ist unklar, ob diese Gruppe weiterhin zusammenhält – und ob sie überlebt.

Eine pädagogisch wertvolle Serie ist Squid Game auf jeden Fall wohl nicht. Man könnte argumentieren, dass sie möglicherweise durch ihre Anti-Pädagogik dem Zuschauer vermittelt, dass die menschlichen Werte eben andere sind, als diejenigen dieser zutiefst menschenverachtenden Spiele. Allerdings ist dieser Interpretationsansatz natürlich sehr optimistisch.

Letztlich bleibt also die Frage, squid oder shit? Viele Zuschauer*innen würden wohl sagen, dass die Serie sie fesselt (sonst würden sie sie ja nicht schauen), aber dass es sich eigentlich handelt um ethischen shit.

Eine Ambivalenz.

English:

2 Gedanken zu “Squid Game, shit game ? Eine ethische Einschätzung der Netflix-Serie.

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